Bevor das Kinderkriegen – und vor allem das Kinderhaben – meinem Kosmos ernsthaft nahekamen, wusste ich viel mehr über das Muttersein als heute. Das ist eigentlich sehr schade, denn manchmal fühle ich mich ziemlich unsicher und hätte gerne eine kompetente Beraterin an meiner Seite, die mich mit ihrem Wissen unterstützen könnte.

Wäre ich die Frau von damals, wäre mein Leben heute gewiss einfacher: Meine Beziehung wäre von entspannten Abenden mit Kerzenschein gespickt, während sich der Babysitter mit selig schimmernden Kindern langweilt. Ich wäre stets adrett, hätte drei Monate nach der Geburt meine alte Figur und würde den Alltag zwischen Familie, Job, Haushalt und Kontaktpflege mit einigen Kurzurlauben, einem Vertrag im Fitnessstudio und einem tollen neuen Hobby aufpeppen.

Die Realität sieht aus wie folgt: Adrett bin ich stets in den ersten zwanzig Minuten nach dem (morgendlichen?) Duschen, sofern ich nicht schon früher in einen Babykotze-, Fettfinger- oder Zahnpasta-Unfall verwickelt werde. Das jedoch auch nur, wenn man von den strohigen Haaren und Augenringen absieht. Bei uns wohnen Eisbären zwischen Joghurtbechern, Wollmäuse und Tischtennisbälle einträchtig unter dem Sofa und Besuchern wird empfohlen, die Straßenschuhe anzulassen, damit sie sich beim Treten auf kleine, harte Spielzeugautos nicht ernsthaft verletzen.

Allein der Gedanke an die Organisation eines Kurzurlaubes lässt mich schon vor Erschöpfung gähnen, wobei sich mir der Sinn eines KURZurlaubes mit Kind mittlerweile auch gar nicht mehr so recht erschließt. Fitnessstudio, nun ja, Kinder eignen sich ja bestens zum Ganzkörper-Workout – und ein Hobby? Wer hat sich das bloß ausgedacht?

Manchmal frage ich mich, was denn nun eigentlich passiert ist. Bin ich so anders als gedacht? Habe ich mich so verändert? Oder habe ich mich einfach zu weit aus dem Fenster gelehnt? Vielleicht ist es von allem etwas, jedoch möchte ich eines hier und jetzt gesagt haben: Ich entschuldige mich bei allen Müttern, denen ich vorher direkt oder indirekt zu Nahe getreten bin, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, von was ich spreche! Vielleicht tröstet es all diejenigen aber, dass ausgerechnet ich mich nun zum Muttertier entwickelt habe und mich täglich dieser gemeinen, allwissenden Frau von gestern stellen muss. Und für alle anderen, die noch nicht so richtig verstanden haben, worauf ich hinaus will: Kinder haben ist großartig!

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  1. Das ist ein herrliches Bild! Deine Art zu schreiben versetzte mich gerade gedanklich um viele Jahre zurück – zwischen meine eigenen kleinen Kinder. In die Zeit von Schlafmangel und haarsträubenden Tagen, die ich um nichts in der Welt in meinem Leben vermissen will. In die Zeit mit Neill, Lidloff und Braunmühl, der schrieb: „wenn du dir nicht sicher bist, frag dein Kind“. Das hab ich getan und manchmal denke ich bei mir, wessen Kinder es mehr sind, unsere oder Braunmühls 😀
    Alles Liebe für euch

    • Danke Dir! Oh ja, bei Kind Nr. 1 habe ich inbesondere Liedloff gehuldigt-und gegen alles alte revoltiert…es dauert doch länger, bis man den eigenen Weg raus hat! Ich hoffe, ich bin dem inzwischen schon näher gekommen 🙂 Es klingt aber so, als seist Du gut gefahren? Alles Liebe auch für Dich!

      • Ja, ohne diese drei Wegweiser hätten meine Kinder wohl an meiner eigenen „gutbürgerlichen“ Kindsheitsprägung Schaden genommen. Ich glaub es war Musil, der Kindheit mit einem Eimer unbekannten Inhalts verglich, der einem über den Kopf gestülpt würde und man habe den Rest seines Lebens damit zu tun, was davon an einem herunterrinne. Solange man nichts dagegen tut, sag ich 😉 .

      • Das ist ein schönes Bild- manche Dinge kleben dann allerdings doch erschreckend doll an einem-und zeigen sich in den unmöglichsten Momenten🙃

      • In einem solchen unmöglichen Moment sagte mir mein jüngster Spross tröstend: „Du musst nicht keine Angst haben.“ Der Spruch begleitet mich bis heute 😉

  2. Liebe Unbekannte, der ich mich beim Lesen gleich ganz nahe fühle, weil wir Lebenswelten teilen: Du schreibst „Manchmal frage ich mich, was denn nun eigentlich passiert ist.“ Mit Dir. Das gleiche, was auch mit mir passiert ist: Wir sind in der Realität angekommen. Die ist leider machmal hart, aber wahrscheinlich holt sie viel mehr aus uns raus, als wir je zu leisten für möglich hielten.
    Wir waren jetzt zwei Wochen mit drei Lütten, (5, 7 und die neunjährige mit dem Gendefekt ohne Namen) im Urlaub. Ich hatte da abends Zeit, mir die Fuß- und Fingernägel zu lackieren (die Fußnägel sehen seit der Chemo wegen Brustkrebs im letzten Jahr immer noch schätterig aus). Und dann kommt man wieder nach Hause, kämpft mit Wäschebergen und Abwasch und was sonst noch so anfällt und fragt sich, während man den löchrigen, sich abstoßenden Lack betrachtet: wofür war das jetzt gut?
    Und ich denke, man kann festhalten, dass einem die zuweilen unerträglich anstrengenden Lütten am Ende doch mehr geben als lackierte Fingernägel.

    Beste Grüße von
    Lotta

    • Liebe Lotta! Jetzt musste ich nach dem ersten Schlucken erstmal herzlich lachen beim Anblick des Flickwerkes auf meinen eigenen Fußnägeln 😉 Wow, du hast einiges im Gepäck – und ja, Du hast wahrscheinlich recht, wenn Du es Realität nennst, denn es ist oft ernüchternd zu bemerken, dass das eigene Leben sich verselbständigt hat – und wie wenig man manchmal Einfluss nehmen kann. Und ja, es ist erstaunlich, was dann dennoch-oder deswegen? – alles möglich ist. Und irgendwie ist es für mich immer auch beruhigend, dass der Alltag einfach weiter geht, egal, was einem gerade zu schaffen macht – und genau dafür sind die Kids einfach unschlagbar. Ich werde jetzt erst einmal deinen Blog lesen gehen, denn ich habe viele Fragen im Kopf und bin gespannt auf Deine Texte. Viele liebe Grüße!

      • Die Realität ist in meinem Fall derzeit so fordernd, dass das Bloggen deutlich auf der Strecke bleibt. Deshalb habe ich es auch ein halbes Jahr nach dem Umzug nach WordPress nicht geschafft, die alten Beiträge alle zu verschlagworten und auf das neue Layout umzustellen. Daher wird das Lesen sicherlich mühselig. Ich hatte es zunächst wie ein Buch gedacht, an dem man täglich schreibt. Deshalb findet man wahrscheinlich nicht durch, wenn man zwischendurch mal was liest. Ich hoffe, dass Du trotzdem Antworten auf Deine Fragen findest und wenn nicht, frag sie einfach… 😉

        Liebe Grüße von
        Lotta

      • Ich habe ein paar aktuellere Texte gelesen und habe eine Idee davon, dass Du gerade viel zu tun hast…ich stöbere gern in Blogs, insofern finde ich das etwas unübersichtliche eher spannend als mühselig. Einige Deiner Texte haben mich sehr berührt. Wir sind heute zur Oma gereist, mal schauen, ob wir eine ruhige Woche hinbekommen. Ich habe tatsächlich noch eine Frage, falls sie Dir zu persönlich ist, ignorieren Sie bitte einfach! Ich habe wenig zu Elisas Geschichte gefunden und würde gerne wissen, wie ihr damals darauf gekommen seid, dass etwas nicht stimmen könnte. Liebe Grüße!

      • Im Wesentlichen waren die Ärzte von Anfang an der Meinung, dass etwas „nicht stimmt“. Einmal kam ich darauf zu, wie der Stationsarzt, das sind ja meist ganz junge Kerls, mit so einer Normkurve vor unserer Lütten stand und alles genau vermaß. Das war ein verstörendes Gefühl und hat mich an vergangene Zeiten erinnert, ohne diesem Arzt etwas Böses unterstellen zu wollen. Aber der Mensch wird so zum vermessbaren Objekt, ungefähr so wie eine europäische Normgurke. Den Ärzten hat die Trinkschwäche nicht gefallen. Ich hatte reichlich Milch, die quasi direkt in den Mund lief und trotzdem nuckelte sie nur und schlief die meiste Zeit. Deshalb hieß es abpumpen und dann eine Stunde mit der Flasche füttern, den Rest durch die Magensonde. Das war extrem anstrengend, gerade auch nachts, wobei wir sie zuhause nicht sondiert haben sondern dann eben füttern mussten, bis die Flasche fast leer war. Also anderthalb Stunden vielleicht. Für 80 ml. Die Lütte war sechs Wochen auf Station und hatte ein paar Zyanoseanfälle, die nicht geklärt werden konnten. Wir bekamen einen Heimmonitor und einen Wiederbelebungskurs. Nach zwei Wochen zuhause musste ich das erste Mal das Programm abspulen und es war die Hölle hinterher. Dabei funktioniere ich einfach, danach breche ich zusammen. Als wir das zweite Mal oder so ins Krankenhaus eingeliefert wurden, fragte die Ärztin in der Notaufnahme, ob sie anhand unseres Kindes den jungen Mitarbeitern gerade mal das Thema Arachnodaktylie erklären dürfe, denn man sei ja auch Lehrkrankenhaus. Also, ich muss sagen, dass ich anfangs noch gehofft habe, dass sich alles irgendwie noch schüttelt. Und vielleicht war die „Blauäugigkeit“ auch ganz gut, denn so haben wir noch zwei ganz wunderbare Jungs bekommen, Balsam für die Seele. Bei Blogger hatte ich übrigens damals eine Zusammenfassung geschrieben, aber die ist noch nicht mit umgezogen oder sonstwie integriert: http://lotta-raeumt-auf.blogspot.de/p/fur-eilige.html *** Viele Grüße von Lotta

      • Hi Lotta, jetzt habe ich deine Texte gefunden und bin geschafft. Es ist (schon für mich) schwer auszuhalten, was du da über euren Anfang schreibst. Es fragt einfach keiner, wieviel man aushalten möchte und dann wird man da durchgedreht. Da fällt es schwer à la „für irgendetwas wird es schon gut sein“ weiterzumachen. Nein, eigentlich wird es unmöglich. Denn so ist es gar nicht. Dinge passieren und wir gehen mit ihnen um. Ob wir wollen oder nicht. Danke Dir für Deine Offenheit. Es freut mich sehr, dass Kolya und Leander Teil Eurer Familie geworden sind und den Wahnsinn mit dem ganz normalen Wahnsinn bereichern. Liebe Grüße

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