Archiv der Kategorie: Vergessene Ideale

Oh…Entsch…Na, dann setze ich mich mal

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Oh…Entsch…Na, dann setze ich mich mal

Auf dem Weg nach Hause in eine Kirche geguckt. Wohne schon lange daneben, wollte das längst tun. Lande mitten in der abendlichen Kurzandacht. Lerne, dass es abendliche Kurzandachten gibt. 

Eine Dame auf Krücken liest aus der Bibel. Ein älterer Herr sitzt in der vierten Reihe und hört ihr zu. Und jetzt bin ich auch da. Drücke mich in die letzte Reihe. Gehen ist keine Option. 

Sie sagt: „Jetzt möchte ich mit Ihnen singen.“ Der Stapel Gesangbücher hinter mir verbietet mir zu schweigen. Also singen wir. Sie, er und ich. Ohne Orgel, zu dritt in der Kirche. Dann beten wir stehend das Vater Unser und sie spricht einen Segen. Dann ist es vorbei. Er geht an mir vorbei, grüßt leise, sie sitzt noch vorne. Ich bedanke mich noch und stehe schon wieder im Park. 

Ich wurde von Spiritualität überfallen.

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Packesel vs Magen-Darm

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Jetzt mal im Ernst: Warum sagt einem das denn keiner? Dass das mit Schlaf und Kindern eine eher ungünstige Kombination ist – keine Neuigkeit. Dass das Paarleben, sagen wir einmal, einen kleinen Schritt zurücktritt – ist ja logisch. Aber dass wir im Winter JEDER Bazille Haus und Hof öffnen? Habe.ich.nicht.gewusst. Nicht nur, dass Tim ohnehin einen ausgeprägten Hang zum klassischen Magen-Darm-Virus hat und es einfach nicht unter vier Infekten zwischen September und Januar macht. Nebenbei arbeiten wir auch noch an diversen Erkältungen, Bronchitis, Mandelentzündungen oder Hand-Mund-Fuß (von meinem Freund liebevoll als „Bauch-Beine-Po“ bezeichnet). Nicht Tim alleine. Ich auch. Immer. Kruzifix.

Jammern? Ja, ich jammere. Zurecht, wie ich finde. Ich werde demnächst ein ernstes Wörtchen mit der Evolution, Schöpfung oder wer sich da sonst zuständig erklärt sprechen: Beim Austüfteln eines sich selbst entwickelnden Abwehrsystems hat doch jemand grundlegend versagt! Wikipedia spricht übrigens von der „spezifischen oder adaptiven Immunabwehr“, die angeblich in der Lage ist, Angreifer zu erkennen und gezielt binnen kurzer Zeit eine angemessene Abwehrreaktion zu ermöglichen.

Ich bin mir sicher, dass hier der Haken an der Sache zu finden ist: Was ursprünglich einmal unter „kurzer Zeit“ zu verstehen war, ist heutzutage gründlich überholt. Vor der Erfindung des Rades galt ein Packesel ja auch als rasantes Fortbewegungsmittel. Nun ja, bis sich jemand dieser Angelegenheit gewissenhaft annimmt, arbeiten wir hier wohl weiter an unserem Zeitverständnis. Es lebe die Entschleunigung.

Schummeln erlaubt!

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„Ich habe eine Tonne mit Hütchen! Ich habe eine Tonne mit Hütchen! Ich habe eine Tonne mit Hütchen!! ICH HABE EINE TONNE MIT HÜTCHEN!“ Hatte ich schon einmal erwähnt, dass kleine Kinder auf Wiederholungen stehen? Falls nicht: Kleine Kinder stehen auf Wiederholungen. Das ist nicht schlimm. Das ist nicht schlimm. Das ist nicht schlimm. Aber das wollte ich gar nicht erzählen…

Es ist spät, sehr spät. Ich bin hundemüde. Tim ist wach, sehr wach und hat eine Tonne mit Hütchen. Eine Bauklotztonne, auf der ein Lego-Straßenhütchen steht. Wer hat das schon? Und wenn ich sie nicht gleich bewundernd würdige, wird er das klobige Ding auf das Sofa wuchten und so dicht wie möglich vor meine Nase hieven. Aus Liebe zu Letzterer lasse ich mich zu einem halb-begeisterten „Oh jaaaa, eine Tonne mit Hütchen“ bewegen. Tim lässt von mir ab und ich kann weiter vor mich hin sinnieren. Eigentlich ist es doch schön, wie sehr Tim sich für alles Mögliche begeistert. Er ist da (wie wohl die meisten Kinder) sehr pflegeleicht. Neuerdings reichen ihm sogar imaginäre Gegenstände für sein Spiel. Mittlerweile besitzt Tim etwa tausend imaginäre Autos, die er gerne zwischen zusammengepressten Daumen und Zeigefingern durch die Gegend trägt. Bislang hatte ich mir über diese ausgeprägte Fantasie noch keine Gedanken gemacht, andere Kinder haben sogar imaginäre Freunde, so what?

Allerdings hatte er seine Autos auch dabei, als wir neulich beim Bäcker waren. „Guck mal Mama, ich habe ein blaues und ein grünes Auto dabei!“ Unter den skeptischen Augen der Verkäuferin hält Tim mir die zusammengepressten Finger seiner beiden Hände entgegen. „Schön Schatz. Willst Du eine Brezel?“ „Ja“. Die aufmerksame Bäckereifachfrau greift nach der gewünschten Ware und reicht sie über den Tresen zu Tim herunter. Dieser macht den Mund weit auf – zum Abbeißen bereit. „Äh, Tim, nimm die Brezel doch bitte“, schalte ich mich ein. Aber Tim kann nicht. Er hat ja die beiden Autos noch in den Händen. Ich zögere kurz und schlage dann etwas leiser vor: „Steck doch eins von den beiden in deine Hosentasche, dann kannst Du die Brezel nehmen.“ Das gefällt ihm aber nicht, seine Hosentasche erscheint ihm wohl nicht als ausreichend sicherer Aufbewahrungsort. „Nein Mama, Du mal nehmen“, erwartungsvoll hält er mir seine unsichtbaren Autos hin. „Gut…“ Schnell greife ich zu und tue so, als ob ich alles in meine Tasche stecke. Tim wendet sich zufrieden der Verkäuferin zu, die den Vorgang etwas irritiert beobachtet hat. „Danteschön!“ strahlt er sie an, beißt in die Brezel und wendet sich im Rausgehen wieder an mich: „Mama, ich will meine Autos haben!“ Ich vermeide es, die Verkäuferin noch einmal anzusehen, als ich sie ihm aushändige und wir schnell den Laden verlassen.

Gerade überlege ich, ob ich Tim nicht doch einmal erklären müsste, dass er nicht WIRKLICH Autos in der Hand hält, da bleibt er vor einem Schaufenster stehen. „Mama, ich will den Ball haben!“, deutet er auf die Auslage. Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, bis ich weiß, was ich zu tun habe. Ich sehe mich kurz nach unerwünschten Beobachtern um, hole einen unsichtbaren Ball aus dem Fenster und reiche ihn meinem Sohn. „Hier, bitte!“ Glücklich und zufrieden spazieren wir weiter. Es lebe die Imagination!!!

Ich ergebe mich!

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Mit kleinen Kindern die Wohnung zu teilen ist in meinen Augen nichts anderes als eine beeindruckende Lektion inpunkto bedingungsloser Akzeptanz. Wer zu viel hinterfragt oder diskutiert, gefährdet den Haussegen, so einfach ist das. Das beginnt schon morgens um sieben, wenn Tim vor der Dusche steht und dringend geklärt haben möchte, wer jetzt eigentlich den Pullermann und wer die Scheide hat, Oma oder Opa? Ich mag meine Schwiegereltern. Trotzdem hätte ich mir gewisse Detailfragen gerne erspart. Da unser Kind jedoch über eine erschreckende Hartnäckigkeit verfügt, beantworte ich geduldig alle Nachfragen und versuche innerlich einfach noch ein bisschen weiterzuschlafen. Ich verwickle mich auch nicht mehr in gut gemeinte Einwände, wenn mein Sohn nachts um drei lauthals nach seiner Zahnbürste verlangt, statt nach seinem Teddy, und dann – diese selig umklammernd – weiterschläft. Das Ergebnis zählt.

Oder nehmen wir neulich Abend: Die Kleinfamilie sitzt beim Abendbrot, als Tim plötzlich zielstrebig vom Hochstuhl klettert und die Tür unseres Eisschrankes öffnet. Selbiger ist ein Auslaufmodell, das uns regelmäßig hübsche, mit reichlich weißen Schneekristallen verklebte Fächer beschert. In gebückter Haltung steht Tim also vor besagten Fächern, streckt seine kleine Zunge weit heraus und presst sie genussvoll auf die hervorquellenden Eisblöcke. ‚Blöd wäre, wenn er festklebt‘, denke ich, freue mich aber über die geschenkten drei Minuten Ruhe. Tims Papa springt hingegen auf, um die Situation zu klären, wie ich meine. In Erwartung einer erbitterten Auseinandersetzung inklusive Trotzanfall wundere ich mich umso mehr, als ich vernehme: „Komm Schatz, ich haue Dir das Eis ab, dann kannst Du es am Tisch lutschen!“. Ehrfürchtig mustere ich meinen Mann, das hätte ich ihm nicht zugetraut.

Doch manchmal hat auch Tims Papa noch Probleme mit der allumfassenden Akzeptanz. Als er mich gestern nach dem Grund für das durchnasse Sofa fragte und ich ihm erklärte, dass Tim die Blumen gegossen hätte, entgegnete er doch tatsächlich: „Aber, das ist doch das Sofa…“

Die rosa Glitzerpalme

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Die rosa Glitzerpalme

Ich bin eine sehr fortschrittliche Mutter, die zu jeder Zeit bemüht ist, ein vorbildliches Gender-Mainstreaming in ihre Erziehung einfließen zu lassen. Ganz im Ernst. Tims Klamotten haben ein breites Farbspektrum, das Rosa neben Hellblau duldet, seine Haare habe ich bislang erst einmal geschnitten – und auch nur, weil der Pony immer vor den Augen hing. Mein Sohn besitzt sowohl Puppen wie auch Autos und neben seiner Küche ist sein liebstes Spielzeug ein erfundener Staubsauger.

Ich werde grundsätzlich gefragt, wie alt „die Kleine“ denn eigentlich sei und ob ich es nicht erstaunlich fände, wie sanftmütig Mädchen im Gegensatz zu Jungs in dem Alter seien. Kein Problem für mich. Es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn Tim selbst steif und fest darauf beharrt, ein Mädchen zu sein und sich, nachdem er meine Wimperntusche geklaut hat, große Mühe dabei gibt, seine Augen zu bemalen. Und auch, dass er an zwei von drei Tagen, wenn ich ihn aus der Kita abhole, ein Zöpfchen hat, weil er darauf bestanden hätte.

Aber dass ich mittlerweile weiß, dass diese Art von Zöpfchen „Palme“ heißt, und dass selbige gestern auch noch mit einem rosa Glitzerhaargummi befestigt war – ganz ehrlich? Das trifft mich mitten in mein bisher nicht vorhanden geglaubtes erzkonservatives Alter-Ego-Herz… Nicht doch, keine Sorge! Natürlich durfte er es behalten, das Glitzer-Pälmchen. Und bei der anschließenden Wohnungsbesichtigung am Nachmittag habe ich auch nicht mit der Wimper gezuckt, als die Frau von der Hausverwaltung gefragt hat, wie alt denn die Kleine sei. Hey, dazu bin ich zu sehr Gender-Mainstreaming…

Matschkatastrophe

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Tim ist mittlerweile eineinhalb. Er isst Brötchen, Nudeln und Apfelbrei. Alles andere scheint ihm nichts zu bedeuten. In einem langen Prozess – wir haben gesungen, getrommelt, manchmal sogar getanzt, nur um ihm die Nahrungsaufnahme schmackhaft zu machen – bin ich zu dem Vorsatz gekommen, sein ganz anders geartetes Interesse an Brei, Suppe und allem, das sich zum Pantschen eignet, mit gewährender Zugewandtheit hinzunehmen. Ich glaube nämlich fest daran, dass Tim, wenn er genug gematscht, gespritzt, zerquetscht und gespuckt hat, seine wahre Leidenschaft zum Essen entdeckt, der sich keine sauberkeitsfanatische Mutter in den Weg gestellt hat.

Denn, Hand aufs Herz, eigentlich bin ich genau das: eine Sauberkeitsfanatikerin. (Das ist mir allerdings erst klar, seitdem Tim meinen Esstisch bereichert – vorher hätte ich mich eher in die Kategorie „schlampig“ einsortiert.) Klebrige Finger, tropfende Mundwinkel und weit ausufernde Kürbisbrei-Sprenkel treiben mich täglich an die Grenzen meiner Selbstbeherrschung. Eine tiefe Sehnsucht nach Ganzkörper-Gummianzügen und gekachelten Küchen überkommt mich regelmäßig zur Essenszeit, während sich mein Kind beglückt über seinen gefüllten Teller hermacht. Nicht aus Hunger, wohlbemerkt. Ich beneide jede Mutter, die ihr Kind mit gelassener Heiterkeit beim Essen betrachten kann.

Immerhin habe ich genug kluge Ratgeber gelesen, um zu wissen, dass eine übertriebene Sauberkeitserziehung von Kleinstkindern am Essenstisch nicht nur unsinnig, sondern regelrecht kontraproduktiv sein kann. So entwickeln sich gemaßregelte Matschkünstler schlimmstenfalls zu großen Essensverweigerern, deren desaströses Essverhalten die gesamte Familie belastet – Streit, Scheidung, Depression, das volle Programm eben. Also kämpfe ich tapfer gegen den Drang, Tim im Halbminutentakt Mund und Hände zu säubern und beiße mir auf die Zunge, wenn er den Löffel einen Zentimeter VOR dem Mund genüsslich umdreht. Ich will schließlich nicht verantworten, dass er ein Trennungskind wird.

Tauschgeschäfte

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Das Telefon klingelt. Tim schreit „Memofen!“ (Telefon!), erklimmt erwartungsfroh das Sofa und deutet auf den Hörer. „Hallo Süße, hast Du eine Minute? Ich muss unbedingt mal quatschen wegen Nils, Du weiß schon, der Typ von meiner Arbeit.“ Es ist Tine, eine Freundin aus meinem früheren Leben ohne Kinder. Mit Tine kann man tolle Abende in Kneipen verbringen, viel Bier trinken und noch Wochen später über die Mischung des letzten Longdrinks rätseln. Tines Qualifikationen bezüglich Kleinkindern fallen da eher spärlich aus. Sie will natürlich uuuuuunbedingt welche, naja, nicht jetzt, sie hat ja grade so viel Spaß, aber klar, eine Familie will sie ganz bestimmt auch mal haben.

„Äh, ja, klar, also, ich weiß nicht, wie lange Tim mich lässt, aber klar, ich hab Zeit.“ Tim hat sich mittlerweile dem Regal mit den Holzpuzzles zugewendet, die er in der Sekunde drauf lautstark vom Selbigen fegt.
„Huch, alles gut bei euch? Was ist denn da so laut?“
„Ach, gar nichts, alles gut. Also, was gibt’s?“
„Also, Du weißt ja, dass wir gestern Abend…“
„Tim, nein, nicht an die Steckdose, das weißt Du doch. Sorry, Tine, sprich weiter.“
„Genau, also gestern Abend, wir waren was trinken und ich wollte ihn ja schon die ganze Zeit-“
„Nein Tim, das ist nicht Oma, das ist Tine. Weißt Du, Tine, die, die neulich kurz hier war! Tut mir leid Tine, Tim telefoniert sonst so gerne mit Oma…“
„Mhm. Naja, ich habe ihn dann jetzt mal auf seine Ex angesprochen…“
„Wen, Tim?“
„Nein, Nils natürlich!“
„Ach ja, genau, stimmt. Tschuldige, rede weiter“

Tim ist inzwischen in Richtung Küche abgezwitschert. Ich sehe aus dem Wohnzimmer, wie er den Kühlschrank aufreißt und anfängt, mit beiden Händen das Aufbewahrte zutage zu fördern. Zwischendurch ruft er „Eier! Eier!“ und beißt in die untere Gummidichtung der Kühlschranktür. Wie gesagt, sein Desinteresse an Nahrungsmitteln bezieht sich lediglich auf deren Essbarkeit.

„Bist Du noch dran???!“
„Klar, ja, klar. Hm, wie lange waren die zwei denn zusammen?“ wage ich einen Versuch und lande glücklicherweise einen Treffer. Während Tine mir die Einzelheiten ihres Rendezvous´ auseinandersetzt, ist Tim bis zum Tiefkühlfach vorgedrungen. Ich bin mir sicher, dass die Frau, die vor Tims Geburt mein Leben lebte, es niemals so weit hätte kommen lassen. Ihr Kind hätte bereits mit zehn Monaten lange Phasen am Stück alleine gespielt, akzeptiert, dass Mami auch einmal „Zeit für sich“ und fürs Telefonieren braucht oder hätte zu entsprechenden Zeiten kurze Nickerchen gehalten. Die Frau von heute tauscht ein paar Minuten Telefonieren gegen einen Küchenboden voller Lebensmittel und aufgetautem Tiefkühlspinat. Mit dieser Taktik erschleiche ich mir übrigens öfter einmal wertvolle Zeitfenster, wobei deren Länge meist auch den späteren Verschmutzungsgrad bestimmt.

Als ich auflege, bin ich total stolz auf mein Kind. Ist es nicht toll, wie lange er sich mit sich selbst beschäftigt, unabhängig von mir die Welt entdeckt und wie entspannt unser Alltag inzwischen vonstatten geht? Fröhlich fange ich an, die Küche zu putzen.