Archiv der Kategorie: Hipster in Neukölln

Mit Gottes Segen…

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Am vergangenen Wochenende wurden beide Kinder getauft. Nach dem Gottesdienst machte sich Kind Nr. 1 in einem unbeobachteten Moment mit seinem Kitakumpel im angrenzenden Park selbständig. Ungefragt. 

Nun ja, nachdem beide Kinder wieder eingefangen waren, wollte der Mann ihn immerhin kurz zur Rede stellen: „Schatz, wir haben Dich gerade alle gesucht, Du kannst doch nicht einfach weggehen ohne uns Bescheid zu sagen!“

Kind Nr. 1: „Aber Papa, Gott ist doch jetzt bei mir!“

Halleluja!

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Kita – Sidekicks

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Kita. Erste Kindergeburtstagseinladung. Zwischen Freude und Stolz, dass das eigene Kind eingeladen ist, mischt sich ein mulmiges Gefühl. Vielleicht habe ich eine Vorahnung? Ist dies der Beginn einer Ära vieler furchtbar langer Nachmittage, an denen ich meine Zeit bei Käffchen, Mutti-Talk und Langeweile totschlage? Ich murmele mein Mantra, als ich im Laufschritt von der Arbeit in die Kita hetze, um ja nicht zu spät zu sein: „Das wird nett! Das wird spannend! Das wird nett! Das wird…“. Wenigstens Tim hat gute Laune. Während er am Vortag noch voller Überzeugung war, morgen bestimmt keine Zeit für Laras Geburtstag zu haben, scheint er heute milde gestimmt.

Wir klingeln. Eine Viertelstunde zu spät. Wir sind die ersten. Die ersten noch vor dem Geburtstagskind. Scheiße… Das Kindermädchen holt es gerade aus der Kita, so der etwas hilflos wirkende Geburtstagskindvater. „Isa macht gerade noch einen Job“ (gesprochen „Dschoooob“, mit Kaugummieffekt), „Du weißt ja sicher, sie ist Sprecherin, wir haben hier so’n kleines Studio“, weltmännisches Lachen folgt. „Ah, nee, wusste ich nicht.“ Ich blicke aus dem Penthouse-Terassenfenster hinein in die Penthouse-Berlin-Skyline. Drinnen ist alles weiß, bis auf die Glitzerdeko. In mir ist es auch weiß, leer und weiß, ohne Glitzerdeko. Tim freut sich über einen Spiel-Schulbus mit Sound. Ich wünsche mir Kaffee, viel davon. Bekomme Wasser. Auch gut. Dann kommt Isa, der Dschoooob ist nun fertig. Sie kichert, ist natürlich furchtbar gestresst, Arbeit und dann noch die Party. Wie sie nur auf so eine Idee kommen konnte. Kichern. Ganz ehrlich, wenn ich gestresst bin, sehe ich anders aus. Aber das ist vielleicht auch Neid. Isa ist übrigens unsere Elternsprecherin, erwähnt sie beiläufig. Sie schafft das aber nur, weil die zweite Elternsprecherin so unglaublich organisiert ist. Obwohl, das ist sie natürlich auch. Sie hat einfach nur so unglaublich viel zu tun. Sie ist eben der nette „Sidekick“. Is klar.

Ich versuche, weniger angepisst und mehr freundlich zu sein. Isa erzählt von ihrem Abi-Kumpel, der gerade Berlins erfolgreichste Sushi-Kette in Frankfurt an den Start bringt. Sie ist ja ganz Sushi-verrückt. Kichern, effektvolles Augenrollen. Mhm. Ich frage, ob sie mal ein Taschentuch hat, ich bin verrotzt ohne Ende. Die Unterhaltung stockt. Es klingelt. Endlich kommen Kindermädchen und Geburtstagskind. Die Prinzessin darf auspacken. Es kommen noch ein paar Gäste, ich bekomme Tee.

Die Kinder spielen mittlerweile eine Etage tiefer. Im kleinsten Zimmer, dem Kinderzimmer. Unter Aufsicht des Kindermädchens. Immer wieder kommen sie zu uns ins Wohnzimmer. Isa stöhnt dann theatralisch, bevor sie bittet: „Kids, geht doch nach unten, ich habe sooooolche Ohrenschmerzen“ – während sie uns Erwachsenen verschworen zuzwinkert. Als ich eigentlich gehen möchte, kommen die Würstchen in den Topf und der Prosecco auf den Tisch. Den braucht Isa jetzt. Ich eigentlich auch. Ich lehne ab. Als Einzige. Ich ernte: „Hach Gott, was Du jetzt wohl von mir denkst!? Normalerweise bin ich ganz lieb und nett.“ Ich nieße und sage: „Tu Dir keinen Zwang an, ich hätte heute mittag gern auch schon ein Bier getrunken. Leider bin ich krank.“

Mein Mantra ist nun anders. Es geht: „Alles lauter Sidekicks, alles lauter Sidekicks..:“

Deine Mudda

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Ach ja, ich war schon viel zu lange nicht mehr auf unserem Um-die-Ecke-Spielplatz. Dabei ist jeder Besuch ein Volltreffer. Heute Morgen hab ich es dann endlich wieder geschafft. Aufgrund der Bärenhitze tummelten sich nur ein paar versprengte Gestalten auf dem etwas heruntergekommenen Kleinkindspielplatz, darunter eine Kita-Gruppe, zwei Hipster-Papis, die etwas angenervt die Ferienvormittage der Kita-Schließzeiten überbrückten, zwei arabische Jungs von etwa acht und zehn Jahren (Osama und Memet) mit ihrer waschechten Neuköllner Leih-Omi, Tim und ich.

Als Tim gerade die Rutsche erklimmt, spielt sich hinter meinem Rücken eine 1A-Lektion unter dem Motto: „Wallah, Hipster, so geht der Mittelfinger“ ab. Osama, der jüngere der beiden Bubis, hat sich aufgrund von Langeweile zu einem der Hipster-Papis und dessen circa einjährigem Sohn gesellt. Während Osama also dem verwunderten Kleinen ein Sandspielzeug nach dem anderen abnimmt, verwickelt er dessen Vater in ein angeregtes Gespräch:

„Weißt Du eigentlich, warum Deine Mudda mit Ofenreiniger duscht?“.
Es folgt angespanntes Schweigen, dann ein unwilliges: „…na?“
„Weil FETT drauf steht!“ Triumphierend kichert Osama und schielt um Anerkennung heischend in die Richtung seines älteren Bruders.
„Aha. Ja, lustig….“.
Der Mann guckt etwas irritiert, so einen Umgang ist er offensichtlich nicht gewöhnt. In der Regel scheint eher er derjenige mit den flotten Sprüchen zu sein, und nun muss er seine Ehre auch noch pädagogisch wertvoll wiederherstellen. Er mimt den Eiskalt-Unbeteiligten. Ich bin gespannt, wie lange er durchhält.

Osama bohrt weiter: „Wusstest Du, dass Deine Mudda hässliche Kinder sammelt?“
Die Mundwinkel des Musterdaddys ziehen sich verdächtig nach unten, etwas zu bestimmt reißt er Osama die Sandschaufel seines Sohnes aus der Hand: „Damit wollte Lukas gerade spielen.“ Und um Fassung bemüht: „Tja, Mann Mann, wo Du so Deine ganzen Sprüche her hast“.
„Och“, strahlt Osama über das Kompliment, „Mein Bruder weiß auch noch paar!“ Er zischt ab zu der Bank, auf der Memet und Leihomi sitzen, die bislang bei jeder Pointe anfeuernd mitgekichert haben. Kurz stecken die Jungs die Köpfe zusammen, dann kehrt Osama mit Nachschub bewaffnet zu seinem Opfer zurück:
“Deine Mudda….“, er legt eine Kunstpause ein, „….lutscht Klosteine wie Bonbons!“ Er prustet los und dreht sich zu seinen beiden Fans um. Die sind schwer begeistert, es fehlt nur noch, dass sie applaudieren.

Das ist der Moment, in dem dem Hipster die Hutschnur reißt: „Was macht eigentlich Deine Mudda?“, brüllt er.
„Äh, nichts, wieso?“, Osama schaut ihn unschuldig fragend an.
„Ich weiß gar nicht, warum es hier die ganze Zeit eigentlich um meine Mutter geht“, wettert der Aufgebrachte weiter, „vielleicht hast Du die Sprüche falsch verstanden und es geht hier in Wirklichkeit die ganze Zeit um Deine Mutter, nicht um meine. Schon mal drüber nachgedacht?“

Ui, denke ich, das ist jetzt aber unfair, schließlich ist Osama erst acht. Dieser wirkt in der Tat verunsichert: „Äh, nee, meine Mudda ist in Hamburg, ganz weit weg, die wohnt nicht bei uns.“ Autsch, schäm Dich, Hipster! denke ich. Nach einer Schrecksekunde fängt dieser nun unter den Buh-Rufen des Spielplatz-Publikums verlegen an, seine Sandspielsachen einzuräumen, schnappt sich seinen verständnislosen Sohn und trollt sich. Aber naja, was will man machen. Hipster sind halt nicht zum Spaßen aufgelegt, schon gar nicht, wenn´ s um ihre Mudda geht.

Spielplatzmama

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Bevor ich mich mit Tim das erste Mal auf einen öffentlichen Spielplatz traue, scheint es mir ratsam, Rituale und Rangordnungen zunächst von außen zu beobachten. Meinen Recherchen zufolge existieren folgende allgemeingültige Regeln:

1. Spielzeuge sind Allgemeingut, sofern das betreffende Kind oder dessen Vater nicht gerade selber damit spielen wollen
2. Da besonders Letzteres häufiger passiert, ist es ratsam, zur Not eigenes Spielzeug dabei zu haben
3. Wer etwas auf sich hält, hüllt sein Kind möglichst in einen Ganzkörperanzug aus Naturmaterialien
4. Pippi immer außerhalb des Spielplatzes

Andere Gepflogenheiten offenbaren sich erst, wenn man aktiv in das Biotop eindringt. In die Schaukelliturgie werde ich beispielsweise von einer alternativen Mutter mit französischem Akzent eingeweiht. Nicht, dass die Nationalität eines Menschen für mich eine besondere Rolle spielt – meine beste Freundin besitzt die französische Staatsbürgerschaft – als Neuköllner Gentrifizierungsopfer habe ich jedoch gelernt, einige Dinge genau zu nehmen. “Die jüngste Kind bestimmt, wie ooch geschaukelt wird.“ Ausgefuchst. Und was, wenn nun ausgerechnet das Jüngste ein Rabauke und das Älteste ein rechter Schisser… egal, als Neuankömmling verkneife ich mir derartige Fragen. Inzwischen sitzen fünf Kinder inklusive Tim dicht gedrängt in der Korbschaukel, drum herum stehen mindestens ebenso viele Mütter und Väter. Besagte Französin scheint sich nicht nur bestens im Spielplatz-Knigge auszukennen, sie fällt auch in die Kategorie der sehr engagierten Mütter. Während ich dazu tendiere, faul durch die Gegend zu gucken, ein Schokocroissant zu müffeln und empörenderweise sogar manchmal zum Handy greife, wenn Tim gut verstaut in der Schaukel herum liegt, weiß sie es besser. Ihrem glücklichen Kind wird neben einer rasanten Schaukelpartie (sofern das jüngste Kind…ach, egal…) auch noch ein volles Unterhaltungsprogramm geboten à la „CouCou, Henri, die Mamam ist ier drüben!“, „Und wo ist sie jetzt? Iiieeeer!“, wobei die Frau einmal von links, einmal von rechts auf die Schaukel zuspringt und wild mit den Armen wedelt. Dass nicht nur die Kinder sondern auch alle umstehenden Erwachsenen sie beobachten, scheint sie dabei keineswegs mit Scham, sondern mit Genugtuung zu erfüllen. Sie hat´s halt drauf.

Da ich, wie schon erwähnt, schnell zu verunsichern bin, beobachte ich meinen Sohn nun sehr genau – vielleicht hat ihm ausgerechnet diese Show gefehlt, um den nächsten großen Entwicklungsschritt zu absolvieren? Und tatsächlich: Während Tim normalerweise beim Schaukeln abwesend vor sich hin starrt, lacht er nun jedes Mal laut auf, wenn Super-Mamam auf die Schaukel zuspringt. Er hat total viel Spaß! Trotz dieser erschütternden Erkenntnis bringe ich es einfach nicht über mich, es ihr gleichzutun. Aber ich gebe Tim das innere Versprechen, dies beim nächsten Spielplatzbesuch umgehend nachzuholen.

Prompt stehen wir am nächsten Tag bereits um acht Uhr auf dem Spielplatz. Ich habe Glück, außer uns scheint sich bislang niemand hierher verirrt zu haben. Ich bugsierte den schlaftrunkenen Tim in Richtung Schaukel und rufe verführerisch: “Komm Schatz, wir schaukeln! Und Mama hüpft für Dich!“ Etwas widerwillig lässt er sich daraufhin von mir in den Korb hieven und ich beginne meine Vorstellung. „Kuckuck, wo ist die Mama?“ Ich lande im vollendeten Schlusssprung direkt neben der Schaukel. „Daaaaaa ist sie!“, brülle ich, voller Vorfreude auf den zu erwartenden Heiterkeitsausbruch meines Sohnes. Tim starrt mich an. „Daaaaaa ist sie!“, wiederhole ich, vielleicht hat er nicht genau verstanden, worum es geht. Tim gähnt, lehnt sich zurück und setzt die bekannte Schaukel-Mine auf. „Nicht lustig? Warte, ich komme nochmal von rechts!“ Tim bleibt unerbittlich, meine Darbietungen sind ihm schnuppe. Ich zücke mein Croissant und begebe mich auf die Bank am Rande des Spielplatzes. Immerhin, ich habe es versucht.