Archiv der Kategorie: Geburt

Sind wir nicht alle ein bisschen…Überraschungspaket?

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Nach der Geburt von Kind Nr.2 beschäftigte uns neben all den Sorgen immer wieder die Frage, wie wir Kind Nr.1 etwas erklären können, von dem wir nicht wissen, was es ist?  Und ob das überhaupt notwendig wäre? 

Während der ersten Monate hatte ich große Angst davor, dass der Große traurig sein könnte, wenn seine Schwester nicht so ist wie andere Babies. Doch umso länger ich meine Kinder beobachtete und sehen konnte, wie sie als Geschwister zusammenwuchsen, desto klarer wurde mir, dass Kinder keine Erwartungen an ein Menschenleben haben. Es sind wir Erwachsenen, die hadern. Im Gegenteil,  Kind Nr.1 zeigte mir etwas so Wichtiges: Ganz selbstverständlich nahm er unser Baby so wie es war. Und freute sich unendlich.

Seit der Geburt hatte ich schon viel mit ihm darüber gesprochen, dass nicht alle Menschen sich gleich entwickeln. Dass nicht jeder Dinge wie Sprechen oder Laufen lernt oder eben einen ganz eigenen Weg einschlägt. Für Kind Nr. 1 alles kein großes Thema.  

Nach einigen Monaten wuchs ein blödes Gefühl in mir. Immerhin begleiteten uns die Sorgen um das Baby ständig und ich war sicher, dass auch Kind Nr.1 diese spürte. Es kam mir so vor, als ob sich in unseren Alltag eine Heimlichkeit geschlichen hatte, die allein durch das Ungreifbare bedrohlich war. Sie stand im Weg herum, spürbar und trotzdem unbesprochen.

Also beschlossen wir, mit ihm über unsere Geschichte zu sprechen. Nicht über all die gruseligen Ängste, aber doch über die Fakten. Leider haperte es genau an diesen, gab es schlicht wenig, das wir ihm hätten sagen können, ohne Diagnose, ohne Prognose. Auch hier hatte ich wieder die Sorge, ob Kind Nr.1 damit umgehen könnte. Und wieder belehrte mich der damals Vierjährige eines Besseren.

In einer ruhigen Minute erzählte ich ihm von den Untersuchungen in der Schwangerschaft, und dass die Ärzte herausgefunden hatten, dass im Kopf von Kind Nr.2 einige Dinge anders gewachsen sind, als bei vielen anderen. Und dass wir deswegen nun eine Art „Überraschungspaket“ bekommen hätten, das sich vielleicht von anderen Babies etwas unterscheidet. Und dass wir darum oft bei Ärzten seien, die genau wissen wollten, was seine Babyschwester denn nun alles so könnte. 

Kind Nr.1 nahm die Botschaft gelassen, stellte einige Fragen darüber, wie die Ärzte das denn sehen könnten, zählte dann stolz auf, was Babyschwester schon alles kann und schloss mit stolzem Blick: „Mama, ich bin aber auch ein Überraschungspaket.“ 

Wie Recht er hat. Und wieviel man von diesen kleinen Menschen lernen kann.

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Wer suchet, der findet

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Endlich war es soweit, fast pünktlich zum Stichtag platzte die Fruchtblase und ich bekam Wehen. Wir trafen uns mit unserer Hebamme im Krankenhaus. Diese zweite Geburt verlief einfach großartig. Selbstbestimmt, ohne Eingriffe von außen, voller Kraft und Zuversicht. Nach drei Stunden war unsere Tochter da. Die Anwesenheit der verschiedenen Ärzte nahm ich gar nicht wahr. Nachdem unser Baby beruhigende Apgar-Werte hinlegte, durften wir auf die Wöchnerinnen-Station. Wir hatten zuvor mit dem Krankenhaus abgesprochen, einige Tage zur Beobachtung zu bleiben, um im Falle von frühen Krampfanfällen gleich vor Ort zu sein. All das vergaß ich aber vor lauter Stolz auf meine  Tochter und die wunderbare Geburt. Sie trank nicht besonders gut, sodass wir bereits am zweiten Tag die Milchpumpe unsere treue Begleiterin nennen durften- aber das kannte ich schon von Kind Nr. 1, sodass sie mir als alte Bekannte keine Sorgen bereitete.

Nach der U2 am vierten Tag war unser Entlassungtermin anberaumt. Voller Hormone und in stolzer Erwartung, Lob für unser tolles Kind zu erhalten, betraten wir den Untersuchungsraum. Die supernette Oberärztin der Neonatologie war auch anwesend. Was nun folgte, zog mir kurzfristig den Boden weg – obwohl ich vielleicht damit hätte rechnen können. Während der ersten Lebenstage unserer Tochter hatte das medizinische Personal uns genau im Auge behalten (wie wir ja auch vereinbart hatten) und alles gesammelt, was „auffällig“ sein könnte. Und sie hatten Vieles gefunden. („Damit das SPZ nicht sagt, wir hätten hier im Krankenhaus nicht gut gearbeitet.“) Äußere Merkmale, Bewegungsmuster, dann noch ein Loch im Herzen. Letzteres sei aber bei der Hälfte aller Neugeborenen zu finden. Alles in allem ein buntes Sammelsurium an Softmarkern für verschiedenste Syndrome. Abschließend erklärte die Ärztin noch: „Mit diesen Gesichtszügen hätte eine erfahrene Hebamme eines Geburtshauses Sie wohl auch mit ihrer Tochter ins Krankenhaus geschickt“. Das saß. Leider verpasste sie mir mit diesem Satz auch eine Symptombrille, mit der es mir auf einmal kaum noch gelang, meine Tochter unbefangen anzusehen. Uns wurde nahe gelegt, per Bluttest eine Chromosomenanalyse durchführen zu lassen, um grobe Genmutationen auszuschließen. Wir willigten ein.

Unter diesem Eindruck machten wir uns auf den Weg nach Hause. Viele liebe Menschen hatten vor der Geburt geweissagt, dass alles leichter werden würde, wenn wir unser Kind erst einmal im Arm halten würden. Das stimmte. Sie war da, wuchs, trank immer besser. Aber sie war auch anders, vor allem grundlegend anders als Kind Nr. 1. Und alles, was sie anders machte, verunsicherte mich weiter. Nicht, dass mir das alles nicht klar war. Trotzdem wurde ich die verhasste Symptombrille nicht los. Fand immer mehr Merkmale, googlete Syndrome, las in Foren, Blogs, wurde immer trauriger. Mein Freund bat mich mehrfach, damit aufzuhören, aber das ging nicht. Ich wollte gewappnet sein. Es sollte mich nicht noch einmal so unerwartet wie im Krankenhaus erwischen. Immer wieder las ich über verschiedene Krankheitsbilder, die nach meiner felsenfesten Überzeugung auf uns zutrafen. Und dann lösten sie sich in Luft auf. Eigentlich konnte ich mich immer gut auf mein Bauchgefühl verlassen – das ist heute nicht mehr so.

Unser Stand heute ist, dass Kind Nr. 2 ein unglaublich süßes, fröhliches Wesen ist, das einiges anders macht als sein großer Bruder. Ob davon irgendetwas ungewöhnlich ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich besuche mit ihr eine Krabbelgruppe für Kinder mit und ohne Beeinträchtigung und habe Kontakt zur Lebenshilfe aufgenommen, weil ICH mich in der großen weiten Eltern-Welt neu justieren muss. Unsere größte Aufgabe jedoch lautet, im Hier und Jetzt zu bleiben. Was auf uns zukommt, wissen wir nicht. Aber wer weiß das schon. Ach ja, die Chromosomenanalyse ergab keine Auffälligkeiten.

War es das alles wert?

Mein Beckenboden und ich

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Heute morgen habe ich mit einer Freundin telefoniert, die kürzlich ihr erstes Baby bekommen hat. Sie wollte von mir wissen, ob ich nach Tims Geburt Rückbildungsgymnastik gemacht hätte, ob das notwendig gewesen wäre und ob mit meinem Beckenboden alles okay sei. „Ja“, „Naja“ und „Ja“, so ungefähr fielen meine Antworten aus. Aber dann sind mir einige Details aus meinem Kurs eingefallen, sodass ich meine zweite Antwort umgehend in ein vehementes „Unbedingt!!“ revidiert habe. Denn es gibt Dinge, die frau sich nicht entgehen lassen sollte. Aus meiner Erinnerungstruhe:

Sechs Frauen stehen im Hinterzimmer des Kiez-Kinderladens im Kreis. Alle haben ein mehr oder weniger großes Bündel Baby vor sich abgelegt und ein möglichst bequemes Wellness-Outfit übergeworfen. Nach einer kurzen Kennen-Lern-Runde („Ich bin Vera. Dies ist schon mein dritter Rückbildungskurs nach der Geburt von Jannis, aber ich habe die Verbindung zu meinem Beckenboden leider immer noch nicht wieder hergestellt“) geht es auch schon los.

Hebamme: „Wir atmen vom linken Sitzbeinhöcker hinauf in die rechte Schulter und umgekehrt.“
Ich zögere kurz und denke noch einmal über den Satz nach. Sitzbeinhöcker? Ist das Allgemeinwissen oder habe ich in den letzten Monaten nicht gut aufgepasst? Ich werfe einen prüfenden Blick auf die anderen. Alle gucken todernst und sind sehr konzentriert auf ihre Sitzbeinhöcker. Okay, also Pokerface und weitermachen. Ich atme dorthin, wo ich am ehesten ein Ding namens Sitzbeinhöcker vermute, bin dann unsicher, ob ich eher die Rippen seitlich hinauf oder mitten durch die Gedärme…ach egal, ich atme einfach extra laut, dann wirkt es professioneller.

Hebamme: “Und jetzt spannt den Beckenboden an und zieht die Scheide von unten nach innen oben.“ Ich gucke etwas außer Atem in die Runde. Kollektive Anspannung.  
Hebamme: „Oder weiß jemand nicht, wie sich das anfühlen soll“
Ich denke: „Klappe halten, Klappe halten, Klappe halten…“
Hebamme: „Also, steckt einmal den Daumen in den Mund und saugt daran.“
Sechs Frauen stehen im Kreis und saugen eifrig. Das glaubt mir kein Mensch. Ich bin nicht zum ersten Mal als junge Mutter dankbar, dass mich keiner kennt und sauge einträchtig mit den Fremden am Daumen. Hebamme: „Und genau so soll es sich in eurer Scheide anfühlen.“

Heute weiß ich natürlich nicht mehr, was ich damals daran so lustig fand. Ich habe diesen Kurs sehr gewissenhaft regelmäßig besucht, habe gelernt, was ein Sitzbeinhöcker ist und pflege mittlerweile ein tolles Verhältnis zu meinem Beckenboden.

Auf die Plätze, Pippi, los

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Als frisch gebackene Mutter nicht an einem PEKIP-Kurs teilzunehmen, wäre in etwa so, wie als Lemming am Abgrund vorbei zu laufen. Dementsprechend schwierig ist es, einen Platz in einer der heißumkämpften Krabbelgruppen zu bekommen – sofern man sich nicht schon während der Zeugungsphase auf einige Wartelisten hat setzen lassen. Umso mehr freut es mich, als ich telefonisch die Nachricht erhalte, es per Nachrutsch-Verfahren doch noch geschafft zu haben. Direkt am nächsten Tag geht es los.

Als ich den Gruppenraum des nahe gelegenen Familienzentrums betrete, raubt mir die sich auftürmende Hitzewand zunächst den Atem. Spontan beginnt mein Körper stark zu schwitzen, und noch bevor ich Jacke und Schuhe ausgezogen habe, sehe ich bereits aus wie ein hochroter Puter. So gewinnend es mir unter diesen Umständen gelingt, lächle ich die anwesenden neun Mütter inklusive Nachwuchs an. Kontakt ist ja das Allerwichtigste in diesen Gruppen. Ich wische mir die Schweißtropfen von der Stirn und suche mir eine freie Gummimatte, die ich in die äußerste Ecke des Raumes lege. Während ich Tim ausziehe, lausche ich neugierig dem allgemeinen Gemurmel.

„Und, hast Du jetzt eine Bernsteinkette für die Zähne?“ „Niemals, da sollen sich doch schon Kinder dran stranguliert haben“. Ich beschließe, Tims neue Bernsteinkette umgehend zu entsorgen. „Linus soll sich jetzt daran gewöhnen, Wasser zu trinken, sonst saugt er mich in Thailand noch aus!“ Thailand? Verstört betrachte ich die Frau, die zu solchen Sätzen in der Lage ist. Ja, ihr Sohn ist in etwa so alt wie Tim, also ( zu dem Zeitpunkt) vier Monate. Und ich fand unseren angedachten Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern schon mutig.

Endlich ist Tim nackt, was er umgehend dafür nutzt, sich mit einem weiten Strahl auf die benachbarte Gummimatte inklusive Wickelunterlage zu erleichtern. „Oh, Entschuldigung…“, stammle ich, “damit hatte ich gar nicht gerechnet“. Etwas angesäuert mustert mich unsere Mattennachbarin. „Kein Problem“, murmelt sie. Als ob ich es gewesen wäre, die auf ihre Matte gepinkelt hat. Während ich Tim trocken tupfe, bemerke ich, dass er nicht der Einzige ist, der in dieser muckeligen Atmosphäre Freiübungen macht. Überall erheben sich kleine Fontänen, denen die Umsitzenden mal besser, mal schlechter ausweichen. Mich beschleicht das ungute Gefühl, zu wenig trockene Tücher dabei zu haben.

Als die Hebamme erscheint, wird erst einmal ein Begrüßungsliedchen im Bruder-Jakob-Stil geträllert: „Hallo Levin, Hallo Levin, Du bist da, du bist da, heute woll´n wir spielen, heute woll´n wir spielen, das ist toll, das ist toll“, wobei der Name eines jeden Kindes eingefügt wird. Zehn Kinder, zehn Strophen. Das reicht selbst mir, um den Text zu behalten. Bei Strophe acht wird es warm an meinem Oberschenkel. Ich schaue auf Tim runter, der gebannt dem Gesang lauscht und vor lauter Begeisterung schon wieder pullern muss. Na, das kann ja heiter werden. Oder sollte ich sagen, feucht-fröhlich? Während ich wieder tupfe, wohl weißlich um einen ökonomischen Einsatz meines Handtuches bemüht, höre ich ein verräterisches Geräusch von links. Diesmal hat es die missmutige Mattennachbarin erwischt. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.

Fünfzig Minuten und sieben kleinere Unfälle später, ist unsere erste PEKIP-Stunde vorbei. Während ich auf meinem Weg nach Hause erfolglos versuche, die großen Pippi-Flecken auf meiner Hose zu verdecken, kommt mir eine Frage in den Sinn: Warum weist eigentlich niemand die ahnungslosen Kursteilnehmer auf die Notwendigkeit hin, Wechselwäsche für Kind UND Mutter mitzunehmen? Sollte man das Ganze nicht vielleicht in „Freipullern für alle“ umbenennen? Und, wären diese Kurse dann immer noch so gut besucht?

Schwester Alma

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Nachdem Tim also anfänglich etwas trinkträge ist, bleibt mir die Milchpumpe nicht erspart. Die Oberschwester ist überzeugt, der Natur dringend einen kleinen Schubs geben zu müssen, damit mein Körper nicht vor lauter falschen Signalen die Milchproduktion wieder einstellt. Wenn Tim einmal groß ist, werde ich ihn übrigens zu Ferien auf dem Bauernhof zwingen, wo er jeden Morgen vor dem Frühstück die hofeigene Kuhherde melken muss.

Als ich Bekanntschaft mit der Pumpe mache, ist es Nacht, Dienst hat Schwester Alma. Selbige stammt, meiner Einschätzung zufolge, aus dem nördlichen Afrika, ist leicht untersetzt und ihre dunklen Haare sind bereits mit einigen grauen Strähnen durchzogen. Schwester Alma ist eine Leihschwester, also eine Springerin, die auf unserer sehr gefragten Wöchnerinnenstation hinzugerufen worden ist, um das Krankenhauspersonal bei der Behandlung diverser Saugschwächen zu unterstützen.

Als sich die Tür zu unserem Zimmer öffnet, erscheint zunächst nur eine große quadratische Maschine, die auf einem monströsen Gestell langsam auf uns zurollt. Dahinter lassen sich zarte Trippelschritte vernehmen. Als das Gefährt vor meinem Bett zum Stehen kommt, tritt die kleine, stämmige Frau dahinter hervor und lächelt mich freundlich aber bestimmt an. Schwester Alma, keine Freundin großer Worte, kommt direkt zu Sache: „Hier. Hier Hütchen, hier Flaschen, da An-Knopf.“ Schnell betätigt sie Letzteren, die Pumpe beginnt laut zu brummen. Mit vorausschauender Diskretion fragt sie routiniert: „Mann rausgehen?“ und deutet auf meinen Freund. Dieser verlässt, ohne eine Antwort meinerseits abzuwarten, fluchtartig das Zimmer.

Da sitze ich also. Putzig bekleidet mit einem Krankenhaushemdchen, nur noch ein bisschen müde von der zehnstündigen Geburt vorletzte Nacht, und halte zwei durchsichtige Plastikhütchen in der Hand. „Da ran!“. Alma deutet erklärend auf meine angeschwollenen Brüste. Ach so. Die Pumpe erzeugt mittlerweile schön rhythmisch ein Vakuum nach dem anderen. Ein unbändiger Drang zum Kichern steigt in mir auf, doch ein Blick in Almas ernste Augen vermittelt mir, dass das in dieser Situation wohl unangebracht wäre.
Verlegen nestele ich an dem Hemdchen herum, will Alma jetzt zugucken? Während ich mich in mein Schicksal ergebe, verlässt mich langsam aber sicher die Beherrschung. Meine Mundwinkel entgleiten. Erst einmal, dann noch einmal, schließlich bricht sich ein hektisches, kehliges Glucksen Bahn. Bloß nicht Schwester Alma angucken. Ich fühle mich wie im Geschichtsunterricht, 12. Klasse: „Frau T., wenn Sie meinen Unterricht wirklich so erheiternd finden, können Sie Ihren restlichen Vormittag auch gern vor der Tür verbringen“.
Als die Pumpe meine Brustwarzen dann das erste Mal einsaugt, kann ich nicht mehr. Ich pruste laut los, nicht ohne mich sofort zu rechtfertigen: „Entschuldigen Sie, Schwester, ich weiß… Ich bin einfach ein bisschen drüber, die Geburt und so…“ Ein weiterer Lachanfall hindert mich am Weitersprechen. Zögernd wage ich einen Blick zu Alma – diese kichert ganz leise und verstohlen in ihre vorgehaltene Hand hinein! „Macht nix“, stottert sie, „Ist ein bisschen wie melken Kuh, ne?“ Nachdem wir in diesem Punkt also zu einer Übereinkunft gekommen sind, kichern wir noch einige Minuten einträchtig vor uns hin, bis sich das erste Fläschchen halbwegs gefüllt hat. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich der Anblick desselben nicht mit Stolz und Zufriedenheit erfüllt hätte.

Diagnose Saugschwäche

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Nach Tims Geburt verbringen wir noch einige Tage im Krankenhaus, wir haben ja schließlich das Familienzimmer gebucht. Auf der Geburtsstation kann man sich als Wöchnerin eigentlich alles erlauben, so lange das Baby anständig trinkt. Tut es das nicht, ist es vorbei mit dem lieben Frieden. Da Tim die ersten 36 Stunden seines Lebens lieber schlafend als trinkend verbringt, haben wir schnell die gesamte Schwesternschaft in Alarmbereitschaft versetzt und den Ehrgeiz sämtlicher Stillberaterinnen geweckt.

Klopf Klopf.
„Hallo, ich bin Schwester Anita, ich beginne jetzt meine Schicht und bin in den nächsten acht Stunden für Sie zuständig. Wie ich höre, hat der Tim noch gar nicht getrunken.“
„Ja, er schläft die ganze Zeit.“
„Und wenn er wach ist…..?!“
„Mag er nicht so recht trinken“
„Na, wie haben Sie ihn denn angelegt?“
„Äh, soll ich jetzt…?“
„Ja, machen Sie einmal vor.“
Zum besseren Verständnis: Da Tim mein erstes Kind ist, habe ich keinerlei Vorkenntnisse auf diesem Gebiet. Also gebe ich natürlich mein Bestes beim Vorführstillen. Leider ist Tim müde und entwickelt trotz meiner Bemühungen keinerlei Interesse an meiner Brust, also bleibt Schwester Anita vier Stillpositionen später Stirn runzelnd vor meinem Bett stehen.
„Mhm, so richtig gut ist das noch nicht. Ich schicke Ihnen später einmal Schwester Hayat vorbei, eine unserer Stillberaterinnen.“

Zehn Minuten später.
Klopf Klopf.

„Hallo, ich bin Schwester Hayat. Wie ich höre, hat der Tim noch gar nicht getrunken.“
„Ja, er schläft die ganze Zeit.“
„Und wenn er wach ist….?!“
„Mag er nicht so recht trinken“
„In welcher Position haben Sie ihn den bisher angelegt?“
„Na, in der Kopfbergehaltung, in der Seitenlage und in der Footballhaltung. Die mögen wir aber gar nicht.“ (Zugegeben, ich habe mich schon vor der Geburt belesen und bin mit den entsprechenden Fachtermina durchaus vertraut.)
„Und wie genau haben Sie das gemacht?“
„Äh, soll ich jetzt….?“
„Ja, machen Sie doch einmal vor.“
Drei Stillpositionen später ist Tim dann wach. Und schreit. Er wollte nicht trinken sondern schlafen.
„Hm, üben Sie einfach mal weiter, immer schön anlegen. Ich schicke Ihnen noch einmal Frau Schenke vorbei, das ist unsere Physiotherapeutin.“

Zehn Minuten später.
Klopf Klopf.
Tim schläft schon wieder.

„Hallo, mein Name ist Schenke, ich bin Physiotherapeutin. Wie ich höre, hat der Tim noch gar nicht getrunken.“
Ich ahne, was nun kommen wird und versuche, die Sache zu verkürzen:
„Ja, er schläft immer. Ich kenne jetzt schon verschiedene Positionen. Hier, die Kopfbergehaltung mache ich so“ (Ich wirble Tim durch die Luft und lasse ihn gekonnt vor die Warze gleiten), „Die Seitenlage geht so“ (mit zackigem Schwung werfe ich Tim auf die Seite, er landet frontal vor der anderen Brust, „Und die Footballhaltung geht auch, aber die mögen wir überhaupt nicht.“ (Ich lasse Tim kurz über meinem Kopf kreisen, bevor er rechts neben meinem Körper auf dem Stillkissen landet. Er kreischt mittlerweile hysterisch. Ich auch, das bemerke ich allerdings erst jetzt.)
Frau Schenke hebt die linke Augenbraue ob meiner Darbietung, verzichtet jedoch auf einen Kommentar und tastet stattdessen Tims Mund- und Kieferpartie genauestens ab.
„Tja. Ich habe da so eine Vermutung. Erschrecken Sie jetzt nicht. Ich gehe davon aus, dass der Tim eine Saugschwäche hat, das heißt, es ist ihm anatomisch gar nicht möglich, das zum Saugen notwendige Vakuum mit seinem Mund zu erzeugen.“
Zack, kaum 24 Stunden alt, schon die erste Diagnose abgestaubt. Das kann nicht jeder von sich behaupten. Für die jungen Eltern ein vernichtender Schlag.

Klopf Klopf.
„Hallo, ich wollte noch einmal nach Ihnen schauen.“ Schwester Anita!
„Hallo Schwester“, kreische ich, „schauen Sie einmal, was ich kann!“ Ich ziehe Tim, der sich gerade wieder beruhigt hatte, zu mir und setzte zum doppelten Kopfberger an. Verwirrt blickt Anita zu Frau Schenke, die zuckt mit den Schultern. Anita wendet sich wieder mir und Tim zu, legt mir beruhigend die Hand auf den Arm. Da beginnt Tim andächtig, an meiner linken Brust zu saugen. Erst zögerlich, dann werden die Züge immer tiefer.
„Tja, Sie scheinen mich dann ja nicht mehr zu brauchen.“ Frau Schenke verlässt den Raum, nickt Schwester Anita noch einmal zu.
„Schön, dass unsere Physiotherapeutin Ihnen helfen konnte,“ lächelt Schwester Anita erleichtert. „Ich komme dann in fünf Minuten wieder zum Temperatur nehmen. Anschließend möchte unsere Hausfotografin sich noch bei Ihnen vorstellen und später schaut noch einmal die Gynäkologin vorbei. Sie sollten sich jetzt ausruhen, schließlich haben Sie gerade eine anstrengende Geburt hinter sich.“

Ich komme zum Gebären

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Meine Fruchtblase ist geplatzt. Naja, was heißt geplatzt, es tropft, also, es tröpfelt. Jedenfalls stehe ich nun, nach kurzer Rücksprache mit meiner Hebamme, vor einer weißen Schiebetür im Krankenhaus. Darauf ein Schild „Zu den Kreißsälen. Bitte klingeln“, daneben ein kleiner Lautsprecher. Bevor man hier Einlass erhält, muss man sich anscheinend überzeugend als echte Gebärende ausweisen. Ich fühle mich mit der Situation überfordert. Kurz überlege ich, einfach zu klingeln, doch der nächste Gedanke lässt meine Hand jäh stoppen. Was sage ich denn dann? Ist das jetzt die Stelle für lautes Stöhnen, für “Entschuldigung, ich glaube, mein Baby kommt“ oder vielleicht „Ich komme zum Gebären“? Keiner der Sätze gefällt mir so recht, irgendwie möchte ich etwas Originelles. Ich meine, „Mein Baby kommt“ ist wohl an diesem Ort nicht unbedingt eine überraschende oder besonders kreative Äußerung. Ich klingele. Irgendetwas wird mir schon einfallen. Es summt. „Ja bitte?“ tönt eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher. „Äh, ja, hallo, ich ähm, also, ich bin hier zur Geburt verabredet!“ Habe ich das jetzt gesagt? Die lassen mich doch nie rein, sowas Beklopptes, zur Geburt verabredet… Die Tür öffnet sich lautlos, vor mir liegt ein langer Gang. Eine geschäftige Schwester mit einer glänzenden Nierenschale in der Hand läuft an mir vorbei: „Hier, schau´n Sie mal, Plazenta!“ Ich trete ein, es ist soweit, mein Baby kommt.