Archiv der Kategorie: Chaos

Mit Gottes Segen…

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Am vergangenen Wochenende wurden beide Kinder getauft. Nach dem Gottesdienst machte sich Kind Nr. 1 in einem unbeobachteten Moment mit seinem Kitakumpel im angrenzenden Park selbständig. Ungefragt. 

Nun ja, nachdem beide Kinder wieder eingefangen waren, wollte der Mann ihn immerhin kurz zur Rede stellen: „Schatz, wir haben Dich gerade alle gesucht, Du kannst doch nicht einfach weggehen ohne uns Bescheid zu sagen!“

Kind Nr. 1: „Aber Papa, Gott ist doch jetzt bei mir!“

Halleluja!

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Sammelsache und Riesen-Rache

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Kind Nr.1 hat eine ausgeprägte Sammelleidenschaft. Wenn nicht, wie Ostern letztes Jahr passiert, ausgerechnet ein hartgekochtes Ei über Wochen in seiner Jackentasche lagert, stört es mich mittlerweile kaum noch. Der Mann allerdings hat irgendwie ein Thema am Laufen…

Der Mann zu Kind Nr.1: „Stell Dir vor, Du bist mit der Kita unterwegs. Du hast schon viel gesammelt, und dann liegen da noch eine alte Schraube und ein schöner Stein. In Deine Hand passt nur noch eine Sache. Welche würdest Du mitnehmen?“

Kind Nr.1 (unbekümmert): „Ach, ich würde etwas von einer in die andere Hand tun und dann beides mitnehmen, dann passt ja wieder  viel in meine Hand.“

Der Mann (lacht): „Nein, nein, das geht nicht. Du hast insgesamt nur noch Platz für eine Sache in Deinen Händen.“ 

Kind Nr.1 (verwundert): „Aber Papa, ich habe doch extra eine Sammeltasche in meiner Jacke, da kann ich ALLES rein tun, was ich finde.“ (Ja, stimmt…)

Der Mann (holt leise Luft): „Die ist auch schon voll, Du hast definitiv nur noch Platz für EINE Sache!“

Kind Nr.1 (in dem Ton, den er wohl aus unseren ernsthaften erzieherischen Interventionen kennt): „Papa. Ich habe doch schon auf Deine erste Frage geantwortet, und das gilt.“

Der Mann (stockt kurz): „Ja. Aber stell Dir mal vor, Du müsstest Dich entscheiden. Was nimmst Du, die rostige Schraube oder den schöööönen Stein?“ 

Kind Nr.1 (leicht genervt): „Nein Papa. So machen wir es nicht, das mit dem Entscheiden lassen wir. Ich bohre einfach die Schraube in den Stein, dann nimmt sie keinen Platz weg.“

Der Mann (Sieht er tatsächlich ein bisschen böse aus?): „Nein!!! K. (Erzieherin) ist mit Euch unterwegs und sie VERBIETET Dir, beides mitzunehmen!“

Kind Nr.1 (jetzt empört): „Papa! K. geht NIE mit uns auf den Spielplatz, sie ist doch bei den Eichhörnchen (andere Kitagruppe)!“

Der Mann ist mittlerweile zwischen belustigter und echter Verzweiflung und blickt etwas sehnsüchtig gen Tischkante.

Und das ist er, der Augenblick, in dem ich deutlich spüre: Endlich, nach drei Jahren des Darbens bietet sich hier nun meine Chance, mich für die Geschichte mit dem Riesen zu revanchieren. Und ich hole aus zum vernichtenden Schlag…

Ich: „Okay, dann stell Dir mal vor, Du hast in Deiner Tasche eine rostige Schraube und einen schönen Stein. Und jetzt musst Du sie in der Reihenfolge hinlegen, in der Du sie am liebsten magst.“

Kind Nr.1: „Ach so! Na, zuerst lege ich den Stein hin, dann ein Schneckenhaus, das auch noch da ist, und dann die rostige Schraube!“

Der Mann starrt mich an. Nicht freundlich. Ich grinse. 

Den. Ganzen. Restlichen. Tag.

Zwischen den Zeiten 

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Was wäre, wenn, und was war gewesen und was wird sein? Und wenn das Gewesen-Wesen anders wäre und der Konjunktiv die Zukunft kennte, wäre das Hier und Jetzt dann auch im Gestern und Morgen?

Das Leben ist zu kurz, um es zu übersehen! Lebt, Ihr Lieben, lebt!

Baby ablegen – die Fünfhundertsiebenunddrölfzigste…

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Schon bei Kind Nr. 1 war dieser Teil  des „Babyhandlings“ nicht unser Paradestück. Der Mann schleppte, ich stillte. Im Zwanzigminutentakt. Gefühlt. Bestimmt. Viele Monate. Und so feierten wir hart, ja:HART!, als Kind Nr.1 mit etwa zweieinhalb Jahren das erste Mal durchschlief. Nicht regelhaft, klar, aber immerhin doch das ein oder andere Mal.

Nun also Kind Nr. 2. Bislang lösten wir das Thema „Ablegen“ einfach durch stoisches Ignorieren. Und da unser Baby das abendliche alleinige Schlafen in seinem Bett doch tatsächlich auch nicht einforderte, lag es die letzten zehn Monate Abend für Abend bei dem Mann oder mir auf dem Bauch, welcher wiederum auf dem Sofa weilte. Naja, oder es war wach. Oder ähnliches.

Dass sich das nicht gerade förderlich auf die Kommunikation untereinander oder mit Dritten auswirkt, sei hier nur am Rande erwähnt. Vielleicht war es die verstörende Erinnerung an die Kaugummiabende mit Kind Nr.1, vielleicht wollten wir unser Baby nach dem Hin und Her der letzten Monate auch einfach noch nicht „ablegen“. 

Wie auch immer, heute hat die Vernunft Einzug gehalten -und die verwegene Lust, nach 19 Uhr in Zimmerlautstärke sprechen zu können, gesiegt: 

Wir haben sie abgelegt. An diesem Abend öfter, als in ihrem bisherigen Leben insgesamt. Auf auf in die Ära des Zwanzigminutentaktes!

Revoluzzer-Muddi

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Heute hab‘ ich mich wild, rotzfrech und hammerstark aufgeführt, bin gegen die Reichen und Schönen auf die Barrikaden gegangen und habe auf das System  ge******en, als ich meinen Großen vor einen Nobel-Brautladen am Ku’damm pinkeln lassen hab‘.

Also an einen Baum. Natürlich. Aber innerlich-da wars wild, das sag‘ ich Euch!!!

Nas(ch)enbecher

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Ich sitze mit zwei anderen Kita-Muddis in einem Straßencafé. Die vier Kinder sind unterwegs, Süßigkeiten beim Späti kaufen, mit Strassenmusik (aka Kitalieder neu inszeniert, hihi…) Geld dafür verdienen, unter den Tischen des Cafés rumkrauchen. Das Baby trinkt gerade bei mir, als ein dreckverschmiertes Kind Nr. 1 mit alarmiert aufgerissenen Augen vor mir erscheint.

„Mama, soll ich dir mal was erzählen?“, schreit er fast panisch.

„Was denn, Schatz?“

„Ich habe Zigarette in der Nase! Hier drinnen“, er deutet auf eine Stelle kurz unter der Nasenwurzel, „steckt sie !!!“

Jetzt bin ich auch panisch. Immerhin habe ich schon die wildesten Sachen aus der Nase von Kind Nr. 1 gezogen – ich will mir gar nicht vorstellen, wie tief so ein Zigarettenfilter in einer Kindernase verschwinden kann. Also wird dem Baby das Spucktuch entrissen und Kind Nr.1 schnäuzt und schnäuzt und schnäuzt. 

Währenddessen versuche ich die Lage zu sondieren, und frage so ruhig wie möglich nochmal genau nach, welcher Teil der Zigarette denn nun den Weg in die Nase gefunden hat. Nicht der Filter, nicht die Zigarette! Genaugenommen nur der Finger, der Letztere vorher zerdrückt hatte. Puhhhhh. 

Dennoch, so sehr ich die Stadt auch liebe. Kippen am Boden sind echt ätzend!!! 

Entschuldigung, wenn ich stinke

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„Guten Tag! Ähm, dass mit dem Geruch, das bin ich. Tut mir leid, das lässt sich auch nicht abwaschen, es hängt nämlich in den Klamotten. Mein Sohn hat mich gerade vollgekotzt.“ Ich stehe in dem etwa 38 Grad warmen Kabuff des Autoverkäufers Herr Hübschwiese und halte ihm entschuldigend meine ausgestreckte Hand entgegen. „Frau T.! Ach…na sowas…“, bleibt er Profi, obwohl sein sommerlich überhitztes Minibüro maximal den Pups einer Fliege vertragen könnte. Er schüttelt meine Hand, als mir (etwas spät) in den Sinn kommt: „Ohhh, ich gehe die vielleicht auch noch einmal waschen, Entschuldigung…“. Peinlich berührt verdrücke ich mich auf die Kundentoilette, doch auch hektische Rubbelei mit knallblauer Flüssigseife vermag den stechend-säuerlichen Geruch, der von mir ausgeht, kaum zu übertünchen.

Auf dem Rückweg begegnet mir auf dem Flur Tims Oma, die ich zum Kinderhüten mitgenommen hatte. Sie läuft dem bis auf die Windel nackten Tim hinterher, um sie herum wuseln zwei Empfangsdamen, die begeistert säuseln: „Ach ja, Kind müsste man sein, da kann man bei dieser Hitze auch nackt herum laufen.“ Wenn die wüssten… Wieder im Büro drückt mir Herr Hübschwiese – ganz der Super-Verkäufer – den für mich bereit gehaltenen Blumenstrauß in die Hand: Immerhin lassen wir heute ein kleines Vermögen in diesem Autohaus, denn wir kaufen unser erstes eigenes Auto. Was für eine Freude. Den Strauß halte ich während der folgenden Verkaufsabwicklung immer schön nah unter meine Nase, denn dieser Gestank in Kombination mit der Hitze ist wirklich teuflisch. Wie Herr Hübschwiese das aushält, ist mir unbegreiflich. Doch der lächelt eisern weiter. Dann begleitet er mich galant zu unserer neuen Familienkutsche und scheut sich auch nicht, neben mich und die Blumen auf den Beifahrersitz zu klettern, um mir sämtliche Funktionen zu erklären. Erst als wir abfahren, sehe ich im Rückspiegel, wie er sich fahrig die oberen Knöpfe seines weißen Hemdes öffnet. Vielleicht sollte er selbiges auch mit dem Fenster seines Büros tun.

Auch hier mal wieder ein Text aus dem Sommer, ich komme den Jahreszeiten einfach nicht hinterher!

Prost Zugfahrt!

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Seit Tim laufen kann, bevorzugen wir den Zug. Wir ersparen uns ein nörgeliges Kind auf dem Autorücksitz und Tim ist gut beschäftigt – so die entspannte Theorie. Unsere letzte Reise führt uns zu Tims Großeltern, wo wir ein schönes Wochenende mit der Großfamilie verbringen und Sonntagmittag wieder den Zug gen Heimat besteigen. Kaum setzt sich die Bahn in Bewegung, hält Tim nichts mehr auf dem Sitz. Da sein Vater die erste „Schicht“ übernimmt, lehne ich mich beruhigt zurück, während letzterer sich an kleine, geschäftige Fersen heftet.

Noch in Blickweite stoppt der Sohn interessiert vor der Wasserflasche eines angenervten Teenagers, angelt sie aus dem Gepäcknetz, hält sie in die Höhe und ruft (sehr) laut: „Bier, Bier!“. Ich drücke mich tiefer in meinen Sitz, merke, wie ich erröte. Etwas verlegen nimmt mein Freund Tim die Flasche ab, murmelt so etwas wie: „Tim, das ist doch WASSER“ und nötigt Tim zum Weitergehen.

Bereits drei Sitze später bleibt das Kind wieder abrupt stehen. Diesmal hat er die Apfelschorle einer gepflegten Mitsechzigerin entdeckt. Natürlich. Noch bevor mein Freund reagieren kann, stellt Tim sich in Position und erklärt der überraschten Dame freudig: „Bier, Bier!“ Die Dame stockt, zieht eine Augenbraue nach oben und lässt ihren musternden Blick über den jungen Vater gleiten. Man kann ihre Gedanken geradezu hören: „So sehen diese überforderten Eltern also aus, kein Wunder, wenn aus den Kindern heutzutage nichts Anständiges mehr wird…“

Während ich meinen Freund aufrichtig bedauere, taucht verschwommen eine Szene des vergangenen Wochenendes vor meinem inneren Auge auf: Tim am Esstisch, umringt von der begeisterten Verwandtschaft, die immer wieder laut jolt, sobald er dem Gerstensaft den korrekten Namen zuweist. Himmel, *** und Zwirn, wenn man mal fünf Minuten nicht aufpasst… Sichtlich missgestimmt bugsiert mein Freund unseren Sohn den Gang entlang, und als die beiden durch die Glastür ins nächste Abteil entschwinden, ertönt Tims begeistertes Quietschen erneut: „Bier, Papa, Bier!“.

Etwa zwanzig Minuten später stehen Vater und Sohn wieder vor mir, Tim hat inzwischen eine eigene Flasche in der Hand, ich frage vorsichtshalber nicht, was drin ist. Mein Freund wirkt angefressen und übergibt mir die Aufsicht mit den knappen Worten: „Ich lese jetzt Zeitung. Dein Kind.“ Tim lacht mich strahlend an. Ich erhebe mich etwas widerwillig und folge ihm in Richtung Bordrestaurant – auf alles gefasst und mit schlagfertigen Antworten ausgerüstet. Tim bleibt vor einem hippen Pärchen stehen und reibt sich ausgiebig die Nase. Schließlich hält er mir stolz seinen Zeigefinger vors Gesicht und ruft (wieder sehr) laut: „Mama, Popel!!!“

Kaffeekränzchen

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Wir sitzen in der Café-Ecke des Edeka-Backshops. Wir, das sind Mella, eine befreundete Mutter aus dem Hechelkurs, ihr Sohn Moritz, einen Monat jünger als Tim, Tim und ich. Früher bin ich zum Plauschen und Kaffetrinken mit Freundinnen gerne in richtige Cafés gegangen. Heute nehme ich eigentlich alles, was ein problemfreies Einfahren mit dem Buggy erlaubt und zu günstiger Gelegenheit erreichbar ist. Gerade haben wir einen wunderschönen Bummel durch den winterlichen Stadtpark inklusive Besuch im dortigen Streichelzoo absolviert:
„Tim, willst Du laufen?“ Finstere Miene, keinerlei Reaktion.
„Moritz, hast Du Hunger? Neiiin, nicht weinen, guck mal, Mami hat doch Kekse“.
Tim: “Duta!“ – „Okay, wenn Du runter willst, nehme ich Dich jetzt aus dem Buggy.“
„Och Moritz, ich verstehe nicht genau, was Du möchtest. Guck mal, ich habe auch noch eine Banane dabei…“ Heulen auf Moritz‘ Seite.
Tim: “Mama, Arm!!“ – „Nein Schatz, Du bist zu schwer, um Dich die ganze Zeit durch den Park zu tragen, Du kannst zurück in den Buggy.“ „Mama, ARM!!!!!“ Heulen auf Tims Seite.

Vollkommen durchgefroren freuen wir uns also über den Edeka-Kräuter-Tee, der verheißungsvoll aus seiner XXL-Tasse dampft. „Und, wie war denn jetzt euer Osterfest?“ „Ach, Du, wir hatten ja Besuch – TIM! Bitte nicht den Tresen ablecken!“ Tim steht vor dem Verkaufstresen und säubert diesen gedankenverloren mit seiner Zunge, während er seinen Blick auf die Kuchenauslage gerichtet hat. Als er meinen Protest bemerkt, dreht er sich zu mir und lacht mich an. So ein süßes Kind. “Also, wo war ich. Genau, Ostern. Wir hatten Besuch von… Tim, lass das bitte zu!“. Der kleine Forscher hat mittlerweile eine Klappe im Verkaufstresen entdeckt, hinter der sich Millionen von Plastikdeckeln für Kaffees-To-Go aneinanderreihen. Er zieht einen heraus und ruft begeistert “Dette!“. „Ja, Mucki, das ist ein Deckel. Einen darfst Du behalten, komm mal her zu Mama.“ Tim kommt zwar nicht, lässt aber von den Deckeln ab und platziert sich vor dem Verkaufstresen. Jeder Käufer wird nun herzlich von unten angegrinst, wobei er auf jeden Kandidaten zeigt und gewissenhaft das jeweilige Geschlecht zuordnet: „Mann!“ – „Pau!“. Ich tue so, als ob ich das kommunikative Kind nicht kenne und fahre schnell in unserer Unterhaltung fort. Der Tee dampft nicht mehr ganz so verheißungsvoll. Ich konzentriere mich auf mein Ziel, möglichst viele Informationen in kurzer Zeit von mir zu geben, während Mella ihrerseits versucht, mir zuzuhören und Moritz aus dem Buggy zu befreien.
Als ich ein paar Sekunden später kontrollierend gen Tresen schaue, ist Tim weg. Er steht nun am offenen Kühlsystem, wo eine bunte Auswahl verschiedener Softdrinks präsentiert wird. „Tim, och manno…“ Tim presst seine Kauleiste auf die untere Kühlschrankleiste und hat auf diese Art schon einen kleinen Sabbersee auf dem Kühlschrankboden produziert. Ich stehe auf, um diesen möglichst unauffällig zu beseitigen. Durch meine abrupte Bewegung fühlt sich mein Sohn nun jedoch zu einer lustigen Verfolgungsjagd angespornt, und rennt laut glucksend durch die offene Tür des an den Backshop angrenzenden Supermarktes. Ich renne also hinterher.

Nach gefühlten zehn Wiederholungen der letzten Szene kehre ich zurück zum mittlerweile verlassenen Tisch. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Mella versucht, Moritz von der Deckelklappe fernzuhalten. Der Tee ist kalt. Da ich mich ohnehin eher wie nach einem Marathon als nach einem Winterspaziergang fühle, kommt er mir genau recht. Ich schütte ihn hinunter, vereinbare mit Mella ein Telefonat für den nächsten Abend ohne Kinder und bugsiere selbiges in den Buggy zurück. Tim hält in der einen Hand einen Plastikdeckel, in der anderen ein Stück von Moritz‘ Brötchen und hat große Sabberflecken auf seinem Pullover. Ich bin mir sicher, er würde Edeka jederzeit dem Streichelzoo vorziehen.

Kurze Anmerkung: Wer sich nun fragt, wo in Deutschland im August Minusgrade herrschen, kann sich beruhigt zurücklehnen. Sommerloch, Jobstart und unruhige Nächte knabbern gerade nachhaltig an meinem Schreibfluss – darum musste derweil ein Text aus dem letzten Winter herhalten!

Platzende Fische

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Platzende Fische

Neben meinem eigenen Kind habe ich auch ein Patenkind. Marie ist viereinhalb und ein ganz zauberhaftes kleines Mädchen. Maries Mutter, meine Kindheitsfreundin Anna, hatte neulich die grandiose Idee, ein paar verlängertes Wochenende in diesem Jahr gemeinsam zu verbringen. Um die Tage für die Kids so angenehm wie möglich zu gestalten, steht schnell ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm, dessen Highlight der Besuch des städtischen Aquariums sein soll.

Als noch unerfahrene Familienausflugs-Gestalterin rechne ich weder mit der Hitze noch mit den langen Schlangen vor allen Ausflugszielen, die im ferienhaften Berlin Familien spannende Sommertage versprechen. Nach nur eineinhalb Stunden des Schwitzens stehen wir also in einer hübsch gestalteten Unterwasserwelt, die wir ohne größere Zwischenfälle durchwandern, bis wir schließlich zu dem unvermeidlichen Souvenir-Shop gelangen, der sich am Ende eines jeden modernen Freizeittempels befindet.

Beim Anblick der bunten, blinkenden Auslage stürmt Marie los und steuert zielsicher einen Korb voller Gummifische an. Tim, seinem großen Idol stets folgend, zerrt mich natürlich in dieselbe Richtung. Am Korb angekommen hält Marie mir nun einen dicken weichen Kugelfisch vor das Gesicht und quetscht ihm heftig den Bauch zusammen. Aus einem Loch im Fischkörper tritt eine große Gummiblase hervor, welche mit Glitzerwasser und Kleinteilen gefüllt ist. „Guuuuuck mal!“, kreischt sie, „Der Fisch bekommt Biiiibies!“. Ich zeige mich begeistert und greife pflichtschuldig nach dem Tier. Tatsächlich überkommt auch mich angesichts des klebrig, weichen Quetschgefühls ein gewisser Enthusiasmus und ich drücke ein wenig schneller. Ich murmele :„Schwanger, geboren, schwanger geboren, schwanger….“ Platsch!!!! Als die Blase direkt vor meinem Gesicht zerplatzt und mich von Kopf bis Fuß in eine Glitzerhülle taucht, bin ich sehr überrascht. „Pfffffffffffbrrrrr…“ mache ich, da auch einige Tropfen in meinen Mund gelandet sind. Maries große Augen starren mich an und nehmen ein verschmitztes Leuchten an: „Ohhhhhhhh, guck mal, überall Wasser!“ Auch die Leute neben uns macht sie schnell auf die große Wasserlache zu meinen Füßen aufmerksam: „Guck mal, die Fischbibies!!“.

Ich lächele verlegen und versuche, mir das Glitzerwasser aus dem Gesicht und den Haaren zu wischen. „Tja, da wurde das arme Tier wohl zu viel gequetscht“, versuche ich mit einem entschuldigenden Blick auf Marie die Situation ins rechte Licht zu rücken. „Du Marie, ich gehe mal zur Kasse, den Leuten Bescheid sagen“, lasse ich das quietschvergnügte Kind zurück, und ziehe mich in Richtung Kassentresen zurück, während Marie weitere Passanten über die unglaubliche Fischgeburt vor ihren Augen unterrichtet. „Entschuldigung, mir ist da so ein Fisch kaputt gegangen“. Ein Blick des Verkäufers verrät mir, dass er wenig Zeit hat, sich mit meinem Problem auseinanderzusetzen. „Hier“, reicht er mir eine Packung Taschentücher. „Keine Sorge, ist nur destilliertes Wasser“; fügt er noch hinzu. „Ah“, versuche ich zu scherzen, “Ich dachte schon, ich hätte versehentlich eine Portion Guppie-Babies verspeist“, doch er hat mir schon wieder den Rücken zugewendet und ist mit der nächsten Kundin in eine Verkaufsabwicklung vertieft.

Ich tupfe mich ein wenig trocken und trolle mich zurück zu Marie und dem Fruchtwassersee, den ich nun mithilfe der übrig gebliebenen Taschentücher beseitige. Als wir uns Richtung Ausgang bewegen, bemerke ich in den Augenwinkeln eine Kleinfamilie, deren etwa zweijähriger Sohn sich dem Fischkorb nähert. Während ich noch überlege, ob ich die armen Gestalten warnen soll, hält mich der Verkäufer am Ärmel fest. Wie ertappt stammele ich: “Oh, soll ich den Fisch bezahlen?“ Er guckt mich verständnislos an. „Nein“, sagt er, “Ich wollte nur meine Taschentücher zurück, ich habe einen Schnupfen.“