Unendliches Glatteis

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Unendliches Glatteis

Es gibt sie immer öfter, diese wunderschönen und wahnsinnigen Gespräche mit Kind Nr. 1, an deren Ende ich einen Knoten im Hirn habe und mich unendlich unwissend fühle. So geschehen gestern…

„Mama, im Radio haben sie gesagt, dass Frauen älter werden als Männer. Warum ist das so? “

Ich bin es mittlerweile gewohnt, bei jeder dritten Frage vom Junior das www oder wahlweise seriöses Wissen auf Papier zu Rate zu ziehen. Nicht, weil ich so unterdurchschnittlich viel weiß (naja, denke ich jedenfalls…) oder aber pedantisch wäre. Aber ich kenne meinen Sohn und weiß, dass sich jede kleinste Fehlauskunft rächen könnte. Kind Nr. 1 merkt sich die abgefahrensten Dinge über Ewigkeiten und schmiert sie mir dann irgendwann unvermittelt aufs Butterbrot. Da will ich sicher gehen. Nur so äh, zur Sicherheit.

Zurück zu den alternden Damen – und ich ohne Papier und ohne Internet. Auweiamist. Blank und ohne Sicherheitsnetz geht’s also ab aufs Glatteis, auf dem ich verzweifelt versuche, eine einigermaßen gute Figur abzugeben. Dabei muss ich zu meiner Verteidigung sagen, dass das Baby quengelig und müde war und wirklich keine Lust auf Fragestunde hatte…

Ich versuche mich also kurz zu sammeln, um eine vernünftige Antwort zu präsentieren. Dabei schießen mir verschiedene Gedanken durch den Kopf: Männer besetzen häufig immer noch die höher dotierten Jobs, die dann vielleicht auch mehr Stress bedeuten – leben sie also ungesünder? Das scheint mir dann doch sehr pauschal, außerdem lauert hinter der nächsten Ecke die ganze Gender-Debatte – das wäre ja uferlos!!

Ein neuer brauchbarer Gedanke muss also her… Ha! Hormone! Testosteron führt ja wohl in dem ein oder anderen Fall zu einer höheren Risikobereitschaft (sagt man doch so)….hm, ist da nicht schon wieder die Gender-Sache im Busch? Nicht mit nörgelndem Baby! Also weiter überlegen…

Stichwort Menstruation… okay, da ist jetzt erstmal das Gender-Ding etwas weiter weg. Aber stimmt das? Ist das quasi sooo selbstreinigend, dass es uns ein mehrere Jahre längeres Leben schenkt? Und will ich darüber jetzt mit Junior fachsimpeln?

„MAMA!!!“

Njoaaaaa, okay, also, dann eben Menstruation. Ich werfe meine These unter dem Stichwort „Nicht wissen nur glauben“ in den Ring. Noch bevor ich überlegen kann, ob ich mein Kind mit dieser halbgaren Theorie in die Welt entlassen kann, kommt schon die nächste Frage: „Aber so alte Frauen haben das doch gar nicht mehr!“ (Woher weiß er das???)

„Ja, das stimmt. Aber für viele Jahre haben sie es trotzdem.“

„Und dann?“

„Dann sind die Eizellen alle.“

„Und warum werden denn die Eizellen nicht immer befruchtet?“ 

Gnaaaaaa… Ich ahne langsam, dass das mit der Gender-Debatte vielleicht doch die leichtere Variante geworden wäre…

„Weil es nicht immer eine Samenzelle gibt, die das Ei befruchtet.“ 

„Und warum nicht?“

„Naja, Du weißt doch, dass Mann und Frau ganz doll kuscheln müssen, damit das passiert?“

Hab  ich das wirklich gesagt? Glücklicherweise ist Junior (Dank meiner gelungenen Hühneraufklärung?) wesentlich abgeklärter als ich:

„Also eigentlich muss der Penis in die Scheide!“

„Äh, ja, genau.“ 

„Und warum bekommen die Menschen dann nur so wenig Kinder, Mama?“

„Hm…“ 

Echt jetzt.  Wir machen das gründlich. Also erzähle ich von den Industrienationen, wo es viel Geld aber wenig Zeit gibt und von ärmeren Ländern, wo es viel Zeit aber wenig Geld gibt. Und von wieder anderen, wo Kinder Wohlstand oder Altersvorsorge bedeuten. Und irgendwann landen wir dann bei Kinderarmut, bei Kupfer sammelnden Jungs und bei Verhütung…

„Wie bekommt man keine Kinder, Mama?“

Himmel, er ist doch erst 5! Gut, dann das auch noch. Ich erzähle also von  Kondomen („Aber das tut doch weh, Mama!“  – „Nein, so fest ist das nicht am Pullermann!“) und von der Pille („Was macht die denn genau im Körper, Mama?“) und von Religionen, die Verhütung ablehnen (Ja, ich gebe zu, manchmal übertreibe ich auch…). 

Schließlich ist Junior ruhig. Er denkt, legt sich aufs Trampolin und guckt hoch in das Buchenblätterdach.

Das Baby ist halbwegs an der Brust eingeschlafen und ich, müde wie nach einem Marathon, werde das Gefühl nicht los, dass mich die Gender-Debatte aus der Ferne triumphierend ausgrinst…

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