Stempel-Angst?

Standard

In den letzten Tagen bin ich zufällig mehrmals über das Thema „Stempel Behinderung“ gestolpert – und nun lässt mich das ganze nicht mehr los. Es begab sich in unserer Krabbelgruppe (für Kinder mit und ohne Beeinträchtigung), dass ich gefragt wurde, welche Kita wir für Kind Nr.2 auswählen würden. Daraufhin lautete meine unbedarfte Antwort, dass wir das wohl erst entscheiden, wenn wir wissen, ob wir für sie einen Integrations-Status beantragen werden oder nicht, was ja wiederum von ihrer Entwicklung abhängt. Bei dieser Aussage fühlte sich nun die anwesende Physiotherapeutin (die, soweit ich weiß, nicht privat sondern ausschließlich beruflich mit Besonderungen zu tun hat) dazu berufen, mich eindringlich zu warnen, dem Kind doch nicht so einen „Stempel“ zu verpassen, den würde es ja nie wieder los werden. Ich wurde etwas stutzig und fragte, was genau sie denn mit Stempel meine, da es ja nur darum gehen solle, meiner Tochter ggfs. zusätzliche Hilfe zur Seite zu stellen, die sie – sofern ein I-Status anerkannt werde – dann ja vermutlich auch brauche. Aus meiner beruflichen Erfahrung als Schulsozialarbeiterin bedeutet ein Status im besten Falle zusätzliche Stunden für pädagogisches Personal, worüber alle Beteiligten in der Regel sehr dankbar sind. 

Es entbrannte dann eine kleine Diskussion, ob diese Informationen ungefragt von Kitas an die Schulen weitergegeben würden (meines Wissens nach nicht!!!), ob die Kinder durch einen Status in Schubladen wandern würden ( à la „Mehrarbeit“, „doof“, „kann man nichts zutrauen“) oder nicht. Dabei kamen übrigens alle anwesenden I-Status-Mamis zu dem Ergebnis, bislang ausschließlich positive Erfahrungen damit gemacht zu haben, während diejenigen, die das Thema beruflich berührte, zögerlicher waren. 

Gestern erzählte mir nun eine Bekannte von einer befreundeten Mutter, deren Tochter mit fast einem Jahr aus ungeklärter Ursache stark entwicklungsverzögert sei. Die Mutter des Mädchens (selber beruflich vom Fach)- habe eben aus dieser Stempel-Angst das eigene Kind bislang nicht auf Syndrome etc. hin testen lassen. Ich denke ja nun auch nicht unbedingt, dass jede Diagnostik notwendig ist, aber aus Angst vor Stempeln darauf zu verzichten?

Für mich stellt sich nun die Frage, ob diese unterschiedlichen Einschätzungen tatsächlich etwas damit zu tun haben, ob der Link privater oder beruflicher Natur ist? Und was heißt das dann für das Selbst-und Fremdbild der professionelle Helfer? Und: Bin ich naiv, wenn ich weiterhin wenig Angst vor Stempeln – bzw. nicht mehr, als vor anderen Schubladen – habe? Wer hinter die Kulissen sehen will, tut es doch trotzdem, wen es nicht interessiert, wird auch ein Stempel kaum beeindrucken – oder?

Advertisements

»

  1. Immer diese blöde Stempel Geschichte. Habe es vor Jahren mit meiner Tochter selber erlebt, zwar aus einem anderen Grund… dennoch. Davon hab ich noch nie aufhalten lassen. Ich habe das gemacht, was ich für richtig hielt. Egal was andere dazu sagten. Also… hör auf dein Herz ❤️ dann bist du absolut auf dem richtigen Weg ! 🍀🍀🍀

    • Ja, das Herz ist meist ein guter Ratgeber! Es klingt, als wäre es bei Euch dann gut gelaufen? Manchmal erschrecke ich mich, wieviele Stempel ich allerdings auch selbst tagtäglich zücke😝 Danke für Deinen Zuspruch🙏🏽

  2. Diese Diskussion hatte ich auch schon in meiner Familie. Letztendlich sind aber auch die Erzieherinnen von Nicht-I-Kindern angehalten, alles zu dokumentieren und in Ordnern abzulegen. Das ist dann kein Stempel, aber irgendwie auch gläsern…Wir haben uns dazu entschlossen, diverse Tests machen zu lassen, weil wir sonst ja auch keine Sozialrechtlichen Leistungen erhalten. Da man meinem Sohn die Behinderung körperlich ansieht, an Gangbild etc., wird er doch sowieso abgestempelt.

    • Ja, das stimmt, wenn die Behinderung sichtbar ist, werden die Stempel ohnehin ausgepackt. Ich kann mir vorstellen, dass das gleichzeitig ein Vor- und Nachteil sein kann, oder? Ich fand es allerdings befremdlich, dass ausgerechnet diejenigen, die gar nicht privat von dem Thema berührt waren, die Stempelei als so bedrohlich empfanden. Das hatte so etwas von „Oh je, lasst euch bloß nicht offiziell etwas von eurer Behinderung anmerken“ – aber vielleicht war das nur mein Gefühl. Letztendlich hast Du recht, für viele Leistungen braucht man Diagnosen, Schubladen und Stempel. Vielleicht wirkt das auch immer dann besonders bedrohlich, wenn man selbst noch gar nicht so weit im Begreifen/Akzeptieren ist?

      • Ich bin sehr offen, teilweise konfrontativ mit der Behinderung meines Sohnes. Er soll sich nicht schämen, und ich möchte nicht, dass er das Gefühl hat, ich schäme mich, Er soll selbstbewusst sein und wahrnehmen, dass alle Menschen anders sind. Er soll nicht unvorbereitet sein, wenn später einer „Spasti“ hinter ihm herruft. Bisher, wie in deinem Post, haben wir damit durchweg gute Erfahrungen gemacht. Jeder kommt doch in eine Schublade, das macht Denken und Wahrnehmen einfacher. Häßlich, dick, dünn, doof, Blondie, Streber…Das Nichtbetroffene die Schublade „behindert“ bedrohlich finden, ist aber verständlich. War bei mir früher nicht anders…

      • Bei mir sicher auch nicht, vermutlich ärgert es mich darum um so mehr 🙃 wir sind bislang auch mit Offenheit gut gefahren, darüber zu reden macht es für mich und auch für mein gegenüber leichter. Naja, und Schubladen können ja auch ganz gemütlich sein…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s