Wenn die Technik die Wissenschaft überholt – Feindiagnostik 2

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Erster Teil

Der zweite Termin lief nicht besser. Die Ärztin kam gleich zur Sache und schallte los, das Ergebnis wieder undurchsichtig. Ja, eine Entwicklung des Gehirns sei nicht von der Hand zu weisen. Es gäbe Fortschritte zu verzeichnen, dafür würde es nun bei der Gyrierung (also der Windung des Gehirns, wie ich heute weiß) noch hapern – eigentlich sollte diese zum aktuellen Zeitpunkt schon ausgeprägter sein. Sie bat uns, ihren Kollegen mit hinzuziehen zu dürfen. Wir willigten ein und warteten – ich vollkommen aufgelöst – auf den Kollegen.

Auch dieser sah, was die „Kollegin meint“. Nun, er wäre nicht alarmiert ohne die Vorgeschichte. Einige Bluttests von mir wären nicht schlecht, um Infektionen während der Schwangerschaft auszuschließen. Wieder die Frage, ob wir dieses Baby auf jeden Fall bekommen wollen würden (ja) und ob weitere Untersuchungen gewünscht seien. Letzteres verneinten wir abermals, denn nach mehrmaligem Nachhaken war ziemlich klar: Auch die Untersuchungsergebnisse eines MRT könnten kaum eine Prognose zulassen, eine Fruchtwasseruntersuchung war wegen des Risikos für das Baby für uns ausgeschlossen. Der Arzt war froh, unsere eindeutige Entscheidung mache „einiges leichter“. Für ihn.

Zurück zu Hause standen neue Fragezeichen im Raum. Gyrierung. Was genau sollte das sein. Was bedeutet das alles. Kann uns wirklich niemand Fragen beantworten. Während die Ärztin uns zwar angeboten hatte, mit einem Humangenetiker zu sprechen – weshalb, war mir zu dem Zeitpunkt gar nicht so klar – kam niemand auf die Idee, uns an eine (im Haus ansässige!) Beratungsstelle zu verweisen. Wir waren wir, mit 1000 Fragen und einem weiteren Kontrolltermin in vier Wochen.

Mittlerweile kannte ich vermutlich alle unter Google aufzuspürenden Beiträge, die auch nur annähernd mit diesem Thema zu tun hatten, sämtliche Elternforen für Kinder mit Beeinträchtigung und wurde immer versessener. Gern hätte ich Antworten gehabt, Gleichgesinnte oder Gewissheit. Stattdessen legte sich auf die Schwangerschaft ein grauer Schleier der Angst, der Trauer, der Ungewissheit. Immer wieder versuchte ich, einen Kontakt zu meinem Kind aufzubauen, in mich zu spüren, zu versuchen, ein Ultraschallbild nicht zwischen uns kommen zu lassen. Und mich mit aller Kraft doch endlich zu freuen. Auf mein Kind. Verdammt nochmal, ich wollte mich freuen. Mit dem Ergebnis, dass ich komplett verunsichert nicht mehr wusste, wie es mir oder meinem Baby geht. Ich hatte mein Bauchgefühl verloren.

Ich war auch wütend. Auf die Medizin, die Wissenschaft, darüber, wie unverantwortlich meiner Meinung nach mit Eltern umgegangen wird, dass niemand sich mehr traut, konkret zu werden. Ich weiß, das sind alles Dinge, die einem bewusst sein sollten, wenn man sich für eine Feindiagnostik entscheidet. Und dennoch, geht das überhaupt? Wenn die Technik die Wissenschaft überholt. Es kam mir so skurril vor, dass wir das Geschlecht unseres Kindes nicht erfahren wollten und gleichzeitig schon die Tiefen seines Gehirns erforschten.  Und ja, ich gebe es zu – da war auch eine gehörige Portion Selbstmitleid. Und immer wieder unsere Versuche, uns zu freuen.

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