Prost Zugfahrt!

Standard

Seit Tim laufen kann, bevorzugen wir den Zug. Wir ersparen uns ein nörgeliges Kind auf dem Autorücksitz und Tim ist gut beschäftigt – so die entspannte Theorie. Unsere letzte Reise führt uns zu Tims Großeltern, wo wir ein schönes Wochenende mit der Großfamilie verbringen und Sonntagmittag wieder den Zug gen Heimat besteigen. Kaum setzt sich die Bahn in Bewegung, hält Tim nichts mehr auf dem Sitz. Da sein Vater die erste „Schicht“ übernimmt, lehne ich mich beruhigt zurück, während letzterer sich an kleine, geschäftige Fersen heftet.

Noch in Blickweite stoppt der Sohn interessiert vor der Wasserflasche eines angenervten Teenagers, angelt sie aus dem Gepäcknetz, hält sie in die Höhe und ruft (sehr) laut: „Bier, Bier!“. Ich drücke mich tiefer in meinen Sitz, merke, wie ich erröte. Etwas verlegen nimmt mein Freund Tim die Flasche ab, murmelt so etwas wie: „Tim, das ist doch WASSER“ und nötigt Tim zum Weitergehen.

Bereits drei Sitze später bleibt das Kind wieder abrupt stehen. Diesmal hat er die Apfelschorle einer gepflegten Mitsechzigerin entdeckt. Natürlich. Noch bevor mein Freund reagieren kann, stellt Tim sich in Position und erklärt der überraschten Dame freudig: „Bier, Bier!“ Die Dame stockt, zieht eine Augenbraue nach oben und lässt ihren musternden Blick über den jungen Vater gleiten. Man kann ihre Gedanken geradezu hören: „So sehen diese überforderten Eltern also aus, kein Wunder, wenn aus den Kindern heutzutage nichts Anständiges mehr wird…“

Während ich meinen Freund aufrichtig bedauere, taucht verschwommen eine Szene des vergangenen Wochenendes vor meinem inneren Auge auf: Tim am Esstisch, umringt von der begeisterten Verwandtschaft, die immer wieder laut jolt, sobald er dem Gerstensaft den korrekten Namen zuweist. Himmel, *** und Zwirn, wenn man mal fünf Minuten nicht aufpasst… Sichtlich missgestimmt bugsiert mein Freund unseren Sohn den Gang entlang, und als die beiden durch die Glastür ins nächste Abteil entschwinden, ertönt Tims begeistertes Quietschen erneut: „Bier, Papa, Bier!“.

Etwa zwanzig Minuten später stehen Vater und Sohn wieder vor mir, Tim hat inzwischen eine eigene Flasche in der Hand, ich frage vorsichtshalber nicht, was drin ist. Mein Freund wirkt angefressen und übergibt mir die Aufsicht mit den knappen Worten: „Ich lese jetzt Zeitung. Dein Kind.“ Tim lacht mich strahlend an. Ich erhebe mich etwas widerwillig und folge ihm in Richtung Bordrestaurant – auf alles gefasst und mit schlagfertigen Antworten ausgerüstet. Tim bleibt vor einem hippen Pärchen stehen und reibt sich ausgiebig die Nase. Schließlich hält er mir stolz seinen Zeigefinger vors Gesicht und ruft (wieder sehr) laut: „Mama, Popel!!!“

Advertisements

Eine Antwort »

  1. Das mit dem „Bier“ haben wir schon durch – das war für unseren Kleinen auch hochinteressant, obwohl ich überhaupt keinen Alkohol trinke und mein Sohn nur ab und an sieht wie Opa ein Feierabendbier trinkt. Dann am Fest an der Uni hat er immer „Bier“ gerufen, wenn er eins gesehen hat. 😀
    Übrigens berichte ich auf meinem Blog über meinen Unialltag mit Kind. Ich freue mich auf deinen Besuch!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s