Kaffeekränzchen

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Wir sitzen in der Café-Ecke des Edeka-Backshops. Wir, das sind Mella, eine befreundete Mutter aus dem Hechelkurs, ihr Sohn Moritz, einen Monat jünger als Tim, Tim und ich. Früher bin ich zum Plauschen und Kaffetrinken mit Freundinnen gerne in richtige Cafés gegangen. Heute nehme ich eigentlich alles, was ein problemfreies Einfahren mit dem Buggy erlaubt und zu günstiger Gelegenheit erreichbar ist. Gerade haben wir einen wunderschönen Bummel durch den winterlichen Stadtpark inklusive Besuch im dortigen Streichelzoo absolviert:
„Tim, willst Du laufen?“ Finstere Miene, keinerlei Reaktion.
„Moritz, hast Du Hunger? Neiiin, nicht weinen, guck mal, Mami hat doch Kekse“.
Tim: “Duta!“ – „Okay, wenn Du runter willst, nehme ich Dich jetzt aus dem Buggy.“
„Och Moritz, ich verstehe nicht genau, was Du möchtest. Guck mal, ich habe auch noch eine Banane dabei…“ Heulen auf Moritz‘ Seite.
Tim: “Mama, Arm!!“ – „Nein Schatz, Du bist zu schwer, um Dich die ganze Zeit durch den Park zu tragen, Du kannst zurück in den Buggy.“ „Mama, ARM!!!!!“ Heulen auf Tims Seite.

Vollkommen durchgefroren freuen wir uns also über den Edeka-Kräuter-Tee, der verheißungsvoll aus seiner XXL-Tasse dampft. „Und, wie war denn jetzt euer Osterfest?“ „Ach, Du, wir hatten ja Besuch – TIM! Bitte nicht den Tresen ablecken!“ Tim steht vor dem Verkaufstresen und säubert diesen gedankenverloren mit seiner Zunge, während er seinen Blick auf die Kuchenauslage gerichtet hat. Als er meinen Protest bemerkt, dreht er sich zu mir und lacht mich an. So ein süßes Kind. “Also, wo war ich. Genau, Ostern. Wir hatten Besuch von… Tim, lass das bitte zu!“. Der kleine Forscher hat mittlerweile eine Klappe im Verkaufstresen entdeckt, hinter der sich Millionen von Plastikdeckeln für Kaffees-To-Go aneinanderreihen. Er zieht einen heraus und ruft begeistert “Dette!“. „Ja, Mucki, das ist ein Deckel. Einen darfst Du behalten, komm mal her zu Mama.“ Tim kommt zwar nicht, lässt aber von den Deckeln ab und platziert sich vor dem Verkaufstresen. Jeder Käufer wird nun herzlich von unten angegrinst, wobei er auf jeden Kandidaten zeigt und gewissenhaft das jeweilige Geschlecht zuordnet: „Mann!“ – „Pau!“. Ich tue so, als ob ich das kommunikative Kind nicht kenne und fahre schnell in unserer Unterhaltung fort. Der Tee dampft nicht mehr ganz so verheißungsvoll. Ich konzentriere mich auf mein Ziel, möglichst viele Informationen in kurzer Zeit von mir zu geben, während Mella ihrerseits versucht, mir zuzuhören und Moritz aus dem Buggy zu befreien.
Als ich ein paar Sekunden später kontrollierend gen Tresen schaue, ist Tim weg. Er steht nun am offenen Kühlsystem, wo eine bunte Auswahl verschiedener Softdrinks präsentiert wird. „Tim, och manno…“ Tim presst seine Kauleiste auf die untere Kühlschrankleiste und hat auf diese Art schon einen kleinen Sabbersee auf dem Kühlschrankboden produziert. Ich stehe auf, um diesen möglichst unauffällig zu beseitigen. Durch meine abrupte Bewegung fühlt sich mein Sohn nun jedoch zu einer lustigen Verfolgungsjagd angespornt, und rennt laut glucksend durch die offene Tür des an den Backshop angrenzenden Supermarktes. Ich renne also hinterher.

Nach gefühlten zehn Wiederholungen der letzten Szene kehre ich zurück zum mittlerweile verlassenen Tisch. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Mella versucht, Moritz von der Deckelklappe fernzuhalten. Der Tee ist kalt. Da ich mich ohnehin eher wie nach einem Marathon als nach einem Winterspaziergang fühle, kommt er mir genau recht. Ich schütte ihn hinunter, vereinbare mit Mella ein Telefonat für den nächsten Abend ohne Kinder und bugsiere selbiges in den Buggy zurück. Tim hält in der einen Hand einen Plastikdeckel, in der anderen ein Stück von Moritz‘ Brötchen und hat große Sabberflecken auf seinem Pullover. Ich bin mir sicher, er würde Edeka jederzeit dem Streichelzoo vorziehen.

Kurze Anmerkung: Wer sich nun fragt, wo in Deutschland im August Minusgrade herrschen, kann sich beruhigt zurücklehnen. Sommerloch, Jobstart und unruhige Nächte knabbern gerade nachhaltig an meinem Schreibfluss – darum musste derweil ein Text aus dem letzten Winter herhalten!

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