Platzende Fische

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Platzende Fische

Neben meinem eigenen Kind habe ich auch ein Patenkind. Marie ist viereinhalb und ein ganz zauberhaftes kleines Mädchen. Maries Mutter, meine Kindheitsfreundin Anna, hatte neulich die grandiose Idee, ein paar verlängertes Wochenende in diesem Jahr gemeinsam zu verbringen. Um die Tage für die Kids so angenehm wie möglich zu gestalten, steht schnell ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm, dessen Highlight der Besuch des städtischen Aquariums sein soll.

Als noch unerfahrene Familienausflugs-Gestalterin rechne ich weder mit der Hitze noch mit den langen Schlangen vor allen Ausflugszielen, die im ferienhaften Berlin Familien spannende Sommertage versprechen. Nach nur eineinhalb Stunden des Schwitzens stehen wir also in einer hübsch gestalteten Unterwasserwelt, die wir ohne größere Zwischenfälle durchwandern, bis wir schließlich zu dem unvermeidlichen Souvenir-Shop gelangen, der sich am Ende eines jeden modernen Freizeittempels befindet.

Beim Anblick der bunten, blinkenden Auslage stürmt Marie los und steuert zielsicher einen Korb voller Gummifische an. Tim, seinem großen Idol stets folgend, zerrt mich natürlich in dieselbe Richtung. Am Korb angekommen hält Marie mir nun einen dicken weichen Kugelfisch vor das Gesicht und quetscht ihm heftig den Bauch zusammen. Aus einem Loch im Fischkörper tritt eine große Gummiblase hervor, welche mit Glitzerwasser und Kleinteilen gefüllt ist. „Guuuuuck mal!“, kreischt sie, „Der Fisch bekommt Biiiibies!“. Ich zeige mich begeistert und greife pflichtschuldig nach dem Tier. Tatsächlich überkommt auch mich angesichts des klebrig, weichen Quetschgefühls ein gewisser Enthusiasmus und ich drücke ein wenig schneller. Ich murmele :„Schwanger, geboren, schwanger geboren, schwanger….“ Platsch!!!! Als die Blase direkt vor meinem Gesicht zerplatzt und mich von Kopf bis Fuß in eine Glitzerhülle taucht, bin ich sehr überrascht. „Pfffffffffffbrrrrr…“ mache ich, da auch einige Tropfen in meinen Mund gelandet sind. Maries große Augen starren mich an und nehmen ein verschmitztes Leuchten an: „Ohhhhhhhh, guck mal, überall Wasser!“ Auch die Leute neben uns macht sie schnell auf die große Wasserlache zu meinen Füßen aufmerksam: „Guck mal, die Fischbibies!!“.

Ich lächele verlegen und versuche, mir das Glitzerwasser aus dem Gesicht und den Haaren zu wischen. „Tja, da wurde das arme Tier wohl zu viel gequetscht“, versuche ich mit einem entschuldigenden Blick auf Marie die Situation ins rechte Licht zu rücken. „Du Marie, ich gehe mal zur Kasse, den Leuten Bescheid sagen“, lasse ich das quietschvergnügte Kind zurück, und ziehe mich in Richtung Kassentresen zurück, während Marie weitere Passanten über die unglaubliche Fischgeburt vor ihren Augen unterrichtet. „Entschuldigung, mir ist da so ein Fisch kaputt gegangen“. Ein Blick des Verkäufers verrät mir, dass er wenig Zeit hat, sich mit meinem Problem auseinanderzusetzen. „Hier“, reicht er mir eine Packung Taschentücher. „Keine Sorge, ist nur destilliertes Wasser“; fügt er noch hinzu. „Ah“, versuche ich zu scherzen, “Ich dachte schon, ich hätte versehentlich eine Portion Guppie-Babies verspeist“, doch er hat mir schon wieder den Rücken zugewendet und ist mit der nächsten Kundin in eine Verkaufsabwicklung vertieft.

Ich tupfe mich ein wenig trocken und trolle mich zurück zu Marie und dem Fruchtwassersee, den ich nun mithilfe der übrig gebliebenen Taschentücher beseitige. Als wir uns Richtung Ausgang bewegen, bemerke ich in den Augenwinkeln eine Kleinfamilie, deren etwa zweijähriger Sohn sich dem Fischkorb nähert. Während ich noch überlege, ob ich die armen Gestalten warnen soll, hält mich der Verkäufer am Ärmel fest. Wie ertappt stammele ich: “Oh, soll ich den Fisch bezahlen?“ Er guckt mich verständnislos an. „Nein“, sagt er, “Ich wollte nur meine Taschentücher zurück, ich habe einen Schnupfen.“

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