Matschkatastrophe

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Tim ist mittlerweile eineinhalb. Er isst Brötchen, Nudeln und Apfelbrei. Alles andere scheint ihm nichts zu bedeuten. In einem langen Prozess – wir haben gesungen, getrommelt, manchmal sogar getanzt, nur um ihm die Nahrungsaufnahme schmackhaft zu machen – bin ich zu dem Vorsatz gekommen, sein ganz anders geartetes Interesse an Brei, Suppe und allem, das sich zum Pantschen eignet, mit gewährender Zugewandtheit hinzunehmen. Ich glaube nämlich fest daran, dass Tim, wenn er genug gematscht, gespritzt, zerquetscht und gespuckt hat, seine wahre Leidenschaft zum Essen entdeckt, der sich keine sauberkeitsfanatische Mutter in den Weg gestellt hat.

Denn, Hand aufs Herz, eigentlich bin ich genau das: eine Sauberkeitsfanatikerin. (Das ist mir allerdings erst klar, seitdem Tim meinen Esstisch bereichert – vorher hätte ich mich eher in die Kategorie „schlampig“ einsortiert.) Klebrige Finger, tropfende Mundwinkel und weit ausufernde Kürbisbrei-Sprenkel treiben mich täglich an die Grenzen meiner Selbstbeherrschung. Eine tiefe Sehnsucht nach Ganzkörper-Gummianzügen und gekachelten Küchen überkommt mich regelmäßig zur Essenszeit, während sich mein Kind beglückt über seinen gefüllten Teller hermacht. Nicht aus Hunger, wohlbemerkt. Ich beneide jede Mutter, die ihr Kind mit gelassener Heiterkeit beim Essen betrachten kann.

Immerhin habe ich genug kluge Ratgeber gelesen, um zu wissen, dass eine übertriebene Sauberkeitserziehung von Kleinstkindern am Essenstisch nicht nur unsinnig, sondern regelrecht kontraproduktiv sein kann. So entwickeln sich gemaßregelte Matschkünstler schlimmstenfalls zu großen Essensverweigerern, deren desaströses Essverhalten die gesamte Familie belastet – Streit, Scheidung, Depression, das volle Programm eben. Also kämpfe ich tapfer gegen den Drang, Tim im Halbminutentakt Mund und Hände zu säubern und beiße mir auf die Zunge, wenn er den Löffel einen Zentimeter VOR dem Mund genüsslich umdreht. Ich will schließlich nicht verantworten, dass er ein Trennungskind wird.

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