Tauschgeschäfte

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Das Telefon klingelt. Tim schreit „Memofen!“ (Telefon!), erklimmt erwartungsfroh das Sofa und deutet auf den Hörer. „Hallo Süße, hast Du eine Minute? Ich muss unbedingt mal quatschen wegen Nils, Du weiß schon, der Typ von meiner Arbeit.“ Es ist Tine, eine Freundin aus meinem früheren Leben ohne Kinder. Mit Tine kann man tolle Abende in Kneipen verbringen, viel Bier trinken und noch Wochen später über die Mischung des letzten Longdrinks rätseln. Tines Qualifikationen bezüglich Kleinkindern fallen da eher spärlich aus. Sie will natürlich uuuuuunbedingt welche, naja, nicht jetzt, sie hat ja grade so viel Spaß, aber klar, eine Familie will sie ganz bestimmt auch mal haben.

„Äh, ja, klar, also, ich weiß nicht, wie lange Tim mich lässt, aber klar, ich hab Zeit.“ Tim hat sich mittlerweile dem Regal mit den Holzpuzzles zugewendet, die er in der Sekunde drauf lautstark vom Selbigen fegt.
„Huch, alles gut bei euch? Was ist denn da so laut?“
„Ach, gar nichts, alles gut. Also, was gibt’s?“
„Also, Du weißt ja, dass wir gestern Abend…“
„Tim, nein, nicht an die Steckdose, das weißt Du doch. Sorry, Tine, sprich weiter.“
„Genau, also gestern Abend, wir waren was trinken und ich wollte ihn ja schon die ganze Zeit-“
„Nein Tim, das ist nicht Oma, das ist Tine. Weißt Du, Tine, die, die neulich kurz hier war! Tut mir leid Tine, Tim telefoniert sonst so gerne mit Oma…“
„Mhm. Naja, ich habe ihn dann jetzt mal auf seine Ex angesprochen…“
„Wen, Tim?“
„Nein, Nils natürlich!“
„Ach ja, genau, stimmt. Tschuldige, rede weiter“

Tim ist inzwischen in Richtung Küche abgezwitschert. Ich sehe aus dem Wohnzimmer, wie er den Kühlschrank aufreißt und anfängt, mit beiden Händen das Aufbewahrte zutage zu fördern. Zwischendurch ruft er „Eier! Eier!“ und beißt in die untere Gummidichtung der Kühlschranktür. Wie gesagt, sein Desinteresse an Nahrungsmitteln bezieht sich lediglich auf deren Essbarkeit.

„Bist Du noch dran???!“
„Klar, ja, klar. Hm, wie lange waren die zwei denn zusammen?“ wage ich einen Versuch und lande glücklicherweise einen Treffer. Während Tine mir die Einzelheiten ihres Rendezvous´ auseinandersetzt, ist Tim bis zum Tiefkühlfach vorgedrungen. Ich bin mir sicher, dass die Frau, die vor Tims Geburt mein Leben lebte, es niemals so weit hätte kommen lassen. Ihr Kind hätte bereits mit zehn Monaten lange Phasen am Stück alleine gespielt, akzeptiert, dass Mami auch einmal „Zeit für sich“ und fürs Telefonieren braucht oder hätte zu entsprechenden Zeiten kurze Nickerchen gehalten. Die Frau von heute tauscht ein paar Minuten Telefonieren gegen einen Küchenboden voller Lebensmittel und aufgetautem Tiefkühlspinat. Mit dieser Taktik erschleiche ich mir übrigens öfter einmal wertvolle Zeitfenster, wobei deren Länge meist auch den späteren Verschmutzungsgrad bestimmt.

Als ich auflege, bin ich total stolz auf mein Kind. Ist es nicht toll, wie lange er sich mit sich selbst beschäftigt, unabhängig von mir die Welt entdeckt und wie entspannt unser Alltag inzwischen vonstatten geht? Fröhlich fange ich an, die Küche zu putzen.

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