Spielplatzmama

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Bevor ich mich mit Tim das erste Mal auf einen öffentlichen Spielplatz traue, scheint es mir ratsam, Rituale und Rangordnungen zunächst von außen zu beobachten. Meinen Recherchen zufolge existieren folgende allgemeingültige Regeln:

1. Spielzeuge sind Allgemeingut, sofern das betreffende Kind oder dessen Vater nicht gerade selber damit spielen wollen
2. Da besonders Letzteres häufiger passiert, ist es ratsam, zur Not eigenes Spielzeug dabei zu haben
3. Wer etwas auf sich hält, hüllt sein Kind möglichst in einen Ganzkörperanzug aus Naturmaterialien
4. Pippi immer außerhalb des Spielplatzes

Andere Gepflogenheiten offenbaren sich erst, wenn man aktiv in das Biotop eindringt. In die Schaukelliturgie werde ich beispielsweise von einer alternativen Mutter mit französischem Akzent eingeweiht. Nicht, dass die Nationalität eines Menschen für mich eine besondere Rolle spielt – meine beste Freundin besitzt die französische Staatsbürgerschaft – als Neuköllner Gentrifizierungsopfer habe ich jedoch gelernt, einige Dinge genau zu nehmen. “Die jüngste Kind bestimmt, wie ooch geschaukelt wird.“ Ausgefuchst. Und was, wenn nun ausgerechnet das Jüngste ein Rabauke und das Älteste ein rechter Schisser… egal, als Neuankömmling verkneife ich mir derartige Fragen. Inzwischen sitzen fünf Kinder inklusive Tim dicht gedrängt in der Korbschaukel, drum herum stehen mindestens ebenso viele Mütter und Väter. Besagte Französin scheint sich nicht nur bestens im Spielplatz-Knigge auszukennen, sie fällt auch in die Kategorie der sehr engagierten Mütter. Während ich dazu tendiere, faul durch die Gegend zu gucken, ein Schokocroissant zu müffeln und empörenderweise sogar manchmal zum Handy greife, wenn Tim gut verstaut in der Schaukel herum liegt, weiß sie es besser. Ihrem glücklichen Kind wird neben einer rasanten Schaukelpartie (sofern das jüngste Kind…ach, egal…) auch noch ein volles Unterhaltungsprogramm geboten à la „CouCou, Henri, die Mamam ist ier drüben!“, „Und wo ist sie jetzt? Iiieeeer!“, wobei die Frau einmal von links, einmal von rechts auf die Schaukel zuspringt und wild mit den Armen wedelt. Dass nicht nur die Kinder sondern auch alle umstehenden Erwachsenen sie beobachten, scheint sie dabei keineswegs mit Scham, sondern mit Genugtuung zu erfüllen. Sie hat´s halt drauf.

Da ich, wie schon erwähnt, schnell zu verunsichern bin, beobachte ich meinen Sohn nun sehr genau – vielleicht hat ihm ausgerechnet diese Show gefehlt, um den nächsten großen Entwicklungsschritt zu absolvieren? Und tatsächlich: Während Tim normalerweise beim Schaukeln abwesend vor sich hin starrt, lacht er nun jedes Mal laut auf, wenn Super-Mamam auf die Schaukel zuspringt. Er hat total viel Spaß! Trotz dieser erschütternden Erkenntnis bringe ich es einfach nicht über mich, es ihr gleichzutun. Aber ich gebe Tim das innere Versprechen, dies beim nächsten Spielplatzbesuch umgehend nachzuholen.

Prompt stehen wir am nächsten Tag bereits um acht Uhr auf dem Spielplatz. Ich habe Glück, außer uns scheint sich bislang niemand hierher verirrt zu haben. Ich bugsierte den schlaftrunkenen Tim in Richtung Schaukel und rufe verführerisch: “Komm Schatz, wir schaukeln! Und Mama hüpft für Dich!“ Etwas widerwillig lässt er sich daraufhin von mir in den Korb hieven und ich beginne meine Vorstellung. „Kuckuck, wo ist die Mama?“ Ich lande im vollendeten Schlusssprung direkt neben der Schaukel. „Daaaaaa ist sie!“, brülle ich, voller Vorfreude auf den zu erwartenden Heiterkeitsausbruch meines Sohnes. Tim starrt mich an. „Daaaaaa ist sie!“, wiederhole ich, vielleicht hat er nicht genau verstanden, worum es geht. Tim gähnt, lehnt sich zurück und setzt die bekannte Schaukel-Mine auf. „Nicht lustig? Warte, ich komme nochmal von rechts!“ Tim bleibt unerbittlich, meine Darbietungen sind ihm schnuppe. Ich zücke mein Croissant und begebe mich auf die Bank am Rande des Spielplatzes. Immerhin, ich habe es versucht.

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