Schwester Alma

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Nachdem Tim also anfänglich etwas trinkträge ist, bleibt mir die Milchpumpe nicht erspart. Die Oberschwester ist überzeugt, der Natur dringend einen kleinen Schubs geben zu müssen, damit mein Körper nicht vor lauter falschen Signalen die Milchproduktion wieder einstellt. Wenn Tim einmal groß ist, werde ich ihn übrigens zu Ferien auf dem Bauernhof zwingen, wo er jeden Morgen vor dem Frühstück die hofeigene Kuhherde melken muss.

Als ich Bekanntschaft mit der Pumpe mache, ist es Nacht, Dienst hat Schwester Alma. Selbige stammt, meiner Einschätzung zufolge, aus dem nördlichen Afrika, ist leicht untersetzt und ihre dunklen Haare sind bereits mit einigen grauen Strähnen durchzogen. Schwester Alma ist eine Leihschwester, also eine Springerin, die auf unserer sehr gefragten Wöchnerinnenstation hinzugerufen worden ist, um das Krankenhauspersonal bei der Behandlung diverser Saugschwächen zu unterstützen.

Als sich die Tür zu unserem Zimmer öffnet, erscheint zunächst nur eine große quadratische Maschine, die auf einem monströsen Gestell langsam auf uns zurollt. Dahinter lassen sich zarte Trippelschritte vernehmen. Als das Gefährt vor meinem Bett zum Stehen kommt, tritt die kleine, stämmige Frau dahinter hervor und lächelt mich freundlich aber bestimmt an. Schwester Alma, keine Freundin großer Worte, kommt direkt zu Sache: „Hier. Hier Hütchen, hier Flaschen, da An-Knopf.“ Schnell betätigt sie Letzteren, die Pumpe beginnt laut zu brummen. Mit vorausschauender Diskretion fragt sie routiniert: „Mann rausgehen?“ und deutet auf meinen Freund. Dieser verlässt, ohne eine Antwort meinerseits abzuwarten, fluchtartig das Zimmer.

Da sitze ich also. Putzig bekleidet mit einem Krankenhaushemdchen, nur noch ein bisschen müde von der zehnstündigen Geburt vorletzte Nacht, und halte zwei durchsichtige Plastikhütchen in der Hand. „Da ran!“. Alma deutet erklärend auf meine angeschwollenen Brüste. Ach so. Die Pumpe erzeugt mittlerweile schön rhythmisch ein Vakuum nach dem anderen. Ein unbändiger Drang zum Kichern steigt in mir auf, doch ein Blick in Almas ernste Augen vermittelt mir, dass das in dieser Situation wohl unangebracht wäre.
Verlegen nestele ich an dem Hemdchen herum, will Alma jetzt zugucken? Während ich mich in mein Schicksal ergebe, verlässt mich langsam aber sicher die Beherrschung. Meine Mundwinkel entgleiten. Erst einmal, dann noch einmal, schließlich bricht sich ein hektisches, kehliges Glucksen Bahn. Bloß nicht Schwester Alma angucken. Ich fühle mich wie im Geschichtsunterricht, 12. Klasse: „Frau T., wenn Sie meinen Unterricht wirklich so erheiternd finden, können Sie Ihren restlichen Vormittag auch gern vor der Tür verbringen“.
Als die Pumpe meine Brustwarzen dann das erste Mal einsaugt, kann ich nicht mehr. Ich pruste laut los, nicht ohne mich sofort zu rechtfertigen: „Entschuldigen Sie, Schwester, ich weiß… Ich bin einfach ein bisschen drüber, die Geburt und so…“ Ein weiterer Lachanfall hindert mich am Weitersprechen. Zögernd wage ich einen Blick zu Alma – diese kichert ganz leise und verstohlen in ihre vorgehaltene Hand hinein! „Macht nix“, stottert sie, „Ist ein bisschen wie melken Kuh, ne?“ Nachdem wir in diesem Punkt also zu einer Übereinkunft gekommen sind, kichern wir noch einige Minuten einträchtig vor uns hin, bis sich das erste Fläschchen halbwegs gefüllt hat. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich der Anblick desselben nicht mit Stolz und Zufriedenheit erfüllt hätte.

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  1. Hihi… das kann ich mir so richtig vorstellen, auch wenn ich noch kein Kind habe (leider), ich hätte glaub auch lachen müssen… witzig auch das dein Partner so geflüchtet ist 🙂 ich hoffe es klappt mittlerweile besser und ohne Melkmaschine 🙂 LG

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