Diagnose Saugschwäche

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Nach Tims Geburt verbringen wir noch einige Tage im Krankenhaus, wir haben ja schließlich das Familienzimmer gebucht. Auf der Geburtsstation kann man sich als Wöchnerin eigentlich alles erlauben, so lange das Baby anständig trinkt. Tut es das nicht, ist es vorbei mit dem lieben Frieden. Da Tim die ersten 36 Stunden seines Lebens lieber schlafend als trinkend verbringt, haben wir schnell die gesamte Schwesternschaft in Alarmbereitschaft versetzt und den Ehrgeiz sämtlicher Stillberaterinnen geweckt.

Klopf Klopf.
„Hallo, ich bin Schwester Anita, ich beginne jetzt meine Schicht und bin in den nächsten acht Stunden für Sie zuständig. Wie ich höre, hat der Tim noch gar nicht getrunken.“
„Ja, er schläft die ganze Zeit.“
„Und wenn er wach ist…..?!“
„Mag er nicht so recht trinken“
„Na, wie haben Sie ihn denn angelegt?“
„Äh, soll ich jetzt…?“
„Ja, machen Sie einmal vor.“
Zum besseren Verständnis: Da Tim mein erstes Kind ist, habe ich keinerlei Vorkenntnisse auf diesem Gebiet. Also gebe ich natürlich mein Bestes beim Vorführstillen. Leider ist Tim müde und entwickelt trotz meiner Bemühungen keinerlei Interesse an meiner Brust, also bleibt Schwester Anita vier Stillpositionen später Stirn runzelnd vor meinem Bett stehen.
„Mhm, so richtig gut ist das noch nicht. Ich schicke Ihnen später einmal Schwester Hayat vorbei, eine unserer Stillberaterinnen.“

Zehn Minuten später.
Klopf Klopf.

„Hallo, ich bin Schwester Hayat. Wie ich höre, hat der Tim noch gar nicht getrunken.“
„Ja, er schläft die ganze Zeit.“
„Und wenn er wach ist….?!“
„Mag er nicht so recht trinken“
„In welcher Position haben Sie ihn den bisher angelegt?“
„Na, in der Kopfbergehaltung, in der Seitenlage und in der Footballhaltung. Die mögen wir aber gar nicht.“ (Zugegeben, ich habe mich schon vor der Geburt belesen und bin mit den entsprechenden Fachtermina durchaus vertraut.)
„Und wie genau haben Sie das gemacht?“
„Äh, soll ich jetzt….?“
„Ja, machen Sie doch einmal vor.“
Drei Stillpositionen später ist Tim dann wach. Und schreit. Er wollte nicht trinken sondern schlafen.
„Hm, üben Sie einfach mal weiter, immer schön anlegen. Ich schicke Ihnen noch einmal Frau Schenke vorbei, das ist unsere Physiotherapeutin.“

Zehn Minuten später.
Klopf Klopf.
Tim schläft schon wieder.

„Hallo, mein Name ist Schenke, ich bin Physiotherapeutin. Wie ich höre, hat der Tim noch gar nicht getrunken.“
Ich ahne, was nun kommen wird und versuche, die Sache zu verkürzen:
„Ja, er schläft immer. Ich kenne jetzt schon verschiedene Positionen. Hier, die Kopfbergehaltung mache ich so“ (Ich wirble Tim durch die Luft und lasse ihn gekonnt vor die Warze gleiten), „Die Seitenlage geht so“ (mit zackigem Schwung werfe ich Tim auf die Seite, er landet frontal vor der anderen Brust, „Und die Footballhaltung geht auch, aber die mögen wir überhaupt nicht.“ (Ich lasse Tim kurz über meinem Kopf kreisen, bevor er rechts neben meinem Körper auf dem Stillkissen landet. Er kreischt mittlerweile hysterisch. Ich auch, das bemerke ich allerdings erst jetzt.)
Frau Schenke hebt die linke Augenbraue ob meiner Darbietung, verzichtet jedoch auf einen Kommentar und tastet stattdessen Tims Mund- und Kieferpartie genauestens ab.
„Tja. Ich habe da so eine Vermutung. Erschrecken Sie jetzt nicht. Ich gehe davon aus, dass der Tim eine Saugschwäche hat, das heißt, es ist ihm anatomisch gar nicht möglich, das zum Saugen notwendige Vakuum mit seinem Mund zu erzeugen.“
Zack, kaum 24 Stunden alt, schon die erste Diagnose abgestaubt. Das kann nicht jeder von sich behaupten. Für die jungen Eltern ein vernichtender Schlag.

Klopf Klopf.
„Hallo, ich wollte noch einmal nach Ihnen schauen.“ Schwester Anita!
„Hallo Schwester“, kreische ich, „schauen Sie einmal, was ich kann!“ Ich ziehe Tim, der sich gerade wieder beruhigt hatte, zu mir und setzte zum doppelten Kopfberger an. Verwirrt blickt Anita zu Frau Schenke, die zuckt mit den Schultern. Anita wendet sich wieder mir und Tim zu, legt mir beruhigend die Hand auf den Arm. Da beginnt Tim andächtig, an meiner linken Brust zu saugen. Erst zögerlich, dann werden die Züge immer tiefer.
„Tja, Sie scheinen mich dann ja nicht mehr zu brauchen.“ Frau Schenke verlässt den Raum, nickt Schwester Anita noch einmal zu.
„Schön, dass unsere Physiotherapeutin Ihnen helfen konnte,“ lächelt Schwester Anita erleichtert. „Ich komme dann in fünf Minuten wieder zum Temperatur nehmen. Anschließend möchte unsere Hausfotografin sich noch bei Ihnen vorstellen und später schaut noch einmal die Gynäkologin vorbei. Sie sollten sich jetzt ausruhen, schließlich haben Sie gerade eine anstrengende Geburt hinter sich.“

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